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fÖTTO HÄRRASSOWn
BIBLIOTHECA NORMANNICA.
BIBLIOTHECA NORMANNICA,
Denkmäler Normannischer Literatur und Sprache
herausgegeben
Hermann Suchier.
Die Normannen — durch ihre An- schauungen, Sitten und ganze Cultur die ersten Repräsentanten des Ritter- thunis.
Ten ßrink, Gesch. d. Engl. Lit. S. 161.
VI.
DIE FABELN DER MARIE DE FRANCE.
HALLE. MAX NIEMEYER.
1898.
if-<\e.
DIE FABELN
DER
MARIE DE FRANCE.
Mit Benutzung des von ED. MALL hinterlassenen Materials
lierausgegeben
Karl Warnke.
( I ii p J — nH a fable de folie
' ^ '^ u ü nen ait Philosophie.
Prot. »3 f.
HALLE.
MAX NIEMEYER.
1898.
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im
MEMORIAE
EDUARDI MALL
SACRUM.
Vorwort
Am lo. April 1892 starb in Heidelberg der o. Professor der romanischen und englischen Philologie an der Universität Wttrz- burg, Dr. Eduard Mall. Es war ihm nicht vergönnt gewesen, die Ausgabe der Fabeln und des Gedichts vom Fegefeuer der Marie de France, die er seit langer Zeit geplant und der er die inhaltsreichen Aufsätze 'Zur Geschichte der aesopischen Fabeldichtung im Mittelalter*, Zs. f. rom. Phil. TX. S. 161 ff., und 'Zur Geschichte der Legende vom Purgatorium des heiligen Patricius', Rom. Forsch. VI, S. 141 ff., vorausgeschickt hatte, fertig zu stellen und zu veröffentlichen. Der Pfleger des Nach- lasses, Herr Ing.- Major z. D. Dollmann in Heidelberg, vertraute mir die Abschriften und Aufzeichnungen des Verewigten zur ev. Verwertung an. Ich fand in denselben folgendes Material zu den Fabeln:
1. Abschrift der Hs. A ; teils Abschriften teils Kollationen der englischen Hss. DBEC; ferner eine genaue Kollation der Pariser Hs. M; sodann die hauptsächlichsten Sinnvarianten von H (nach der Abschrift in der Mouchet'schen Sammlung) und R; eine Auswahl der wichtigeren Varianten von NPOF; die Varianten einiger Fabeln von TQSVKL. Endlich eine von einem Abschreiber besorgte und gut ausgeführte Abschrift der Brüsseler Hs. W.
2. Eine ziemlich ausführliche Beschreibung der Pariser Hss.; ein genaues Verzeichnis der Reihenfolge der Fabeln in den Hss. und mehrere Versuche nach der Reihenfolge der Fabeln einen Stammbaum zu entwerfen; eine Zusammenstellung der aller- wichtigsten Varianten, ausführlicher für den Anfang, ganz kurz für die zweite Hälfte.
VIU VORWORT.
8. Ein Heft 'Grammatik' enthält lose Notizen über eine Reihe grammatischer Erscheinungen, besonders aber Auszüge und Bemerkungen aus Einleitungen und Recensionen von Werken, die in den siebziger Jahren erschienen sind.
4. Ein nicht zu Ende geführtes Reiinlexikon des Pg. und der Fabeln (nach A).
5. Ein Entwurf der Fabeln, der nach einer Bemerkung des Verstorbenen im Januar 1870 angefertigt ist und sich als eine Ueberarbeitung der Hs. A nach den englischen Hss. DBE und gelegentlich C darstellt (blosser Text mit Lücken und Fragezeichen an zweifelhaften Stellen; ziemlich einheitliche Schreibweise, ähnlich der im Computus angewandten; keine Interpunktion; auf der rechten Seite später einige Varianten der französischen Hss. hinzugefügt). Ein anderes Heft enthält an dem einen Ende F. 1, an dem anderen F. 60, 61, 63 — 68. Hierher gehören noch Zeichen und Striche in der Abschrift der Hs. A, die dem Verewigten offenbar als Grundlage bei seinen Studien über die Fabeln diente.
Von diesem Material habe ich ohne weitere Kontrolle die Abschriften und Kollationen der englischen Hss. ADBEC benutzt; dieselben tragen Seite für Seite den Vermerk 'revidiert' und sind ausserdem so deutlich und sorgsam geschrieben, dass es unnötig erschien, nochmals eine Vergleichung mit den Hss. vorzunehmen. Dasselbe gilt von der Abschrift der Brüsseler Hs. W. Dagegen musste ich, wenn ich anders, wie mir nötig schien, das ganze handschriftliche Material in der geplanten Ausgabe niederlegen wollte, alle Pariser Hss. (ausser M) ohne Berücksichtigung der vorhandenen Excerpte abschreiben oder kollationieren und das von E. Mall nicht gekannte Material — ausser der Hs. H (in der Arsenalbibliothek) noch die Pariser Hss. G und I, das Fragment der Vaticana und besonders die Yorker Hs. — hinzufügen. Auf Grund des so zusammen ge- tragenen Materials habe ich nach den sich aus der Reihenfolge der Fabeln ergebenden drei Gruppen drei Textentwtirfe an- gefertigt und aus diesen drei Entwürfen nach vorhergehender Fixierung des Verhältnisses der Hss. und der Sprache den kritischen Text gewonnen. Mit dem fertig gestellten Text habe ich alsdann Mall's Entwurf nach den englischen Hss. verglichen; diese Vergleichung hat mich wohl zu einer Prüfung dieser und
VOBWORT. IX
jener Stelle angeregt, ohne indess auf meine Entscheidung einen Einfluss auszuüben. Ebenso habe ich nach abgeschlossener Arbeit das Heft 'Grammatik* durchgelesen; die wenigen Notizen, die ich daraus entlehnt habe, sind von mir durch liinzufttgung des Namens des Verewigton kenntlich gemacht. Schliesslich wurden, um den kritischen Apparat möglichst zuverlässig zu machen, im vergangenen Jahre die Reinschriften des Textes und der Varianten in Paris nochmals von mir genau mit den Hss. verglichen und ebenso bei der Drucklegung das gesamte handschriftliche Material in den Abschriften, die ich hatte, Fabel fllr Fabel als Kontrolle herangezogen.
Bei der lautkritischen Behandlung der Wörter und Formen folgte ich, wie in den Lais, der von H. Suebier in der Reim- predigt eingeschlagenen Methode; man wird leicht sehen, dass ich mich wenigstens bemüht habe, die Resultate, zu denen ich oft erst nach langem Schwanken gekommen bin, so gut ich konnte zu begründen und zu verankern.
Eine Untersuchung über die Stoffquellen Alfred- Maries und über die Parallelen zu den Fabeln ist der Ausgabe nicht beigegeben worden. Eine derartige Untersuchung, die an meinem Wohnorte nur schwer und langsam zu führen ist, hätte die Vollendung der Ausgabe vielleicht noch lange hinaus- geschoben; hoffentlich ist es mir aber möglich, dieser Auf- gabe und ebenso der Herausgabe des Gedichts vom Fegefeuer in den nächsten Jahren näher zu treten.
Im Verlaufe der Arbeit habe ich an manche Thür klopfen müssen, um mir Rat und Hilfe zu erbitten; überall wurde mir freundlichste Auskunft zu teil.
Mein ehrerbietigster Dank gebührt vor allem Sr. Königl. Hoheit dem Herzog Alfred von Sachsen -Coburg- Gotha, der mir die wichtige Handschrift der Dombibliothek in York aus- wirkte und dieselbe zweimal huldvollst von England mit hierher brachte. Aufrichtigen Dank schulde ich ferner Herrn Prof. Steinschneider in Berlin, der mir aus dem Schatze seiner Gelehrsamkeit alles Wissenswerte über Berachjah mitteilte; Herrn Prof. Stengel in Greifswald, der die Freundlichkeit
X VOBWOBT.
hatte, mich über die Hg. D zu orientieren, und Herrn Prof. A. Thomas in Paris, der mich in liebenswürdigster Weise auf das von ihm aufgefundene Fragment der Fabeln in der Hs. der Vaticana aufmerksam machte und zugleich mir seine Notizen über die Hs. zur Verfügung stellte. Die Herren Deprez. Bibliothekar der Nationalbibliothek in Paris, und P. Ehrle, Bibliothekar der Vaticana, Hessen gütigst einen Teil der Hs. 1 und das römische Fragment für mich abschreiben. Herr Canonicus James Raine in York und die Verwaltung der Königl. Bibliothek im Haag — letztere durch freundliche Ver- wendung des Herrn Museumsdirektors C. Hofstede de Groot — verpflichteten mich durch Uebersendung der Hs. Y und der Haager Abschriften; die K. K. Universitätsbibliothek in Prag überliess mir auf längere Zeit die Ausgabe des Berachjah von Hanel, die ich in Deutschland vergebens gesucht hatte; die Verwaltung der Kgl. Bibliothek in Brüssel beantwortete mir in zuvorkommender Weise einige Fragen in betreff der Hs. W; die Herzogl. Bibliothek in Gotha endlich unter der liberalen Leitung des Herrn Geh. Hofrates Pertsch unterstützte mich auf alle Weise.
Allen diesen Männern und allen diesen Instituten, ebenso wie Herrn Major Doli mann, bin ich zu lebhaftem Danke ver- pflichtet. Keinem mehr als Herrn Prof. Hermann Suchier. Sein Wort hat vor Jahren in mir die Lust zur französischen Sprachwissenschaft geweckt; sein gelehrter Rat und seine nie ermüdende Freundschaft haben auch diese Arbeit von ihrem ersten Beginn bis zur letzten Seite begleitet; ihm danke ich in treuer Gesinnung hier auch öffentlich, und von Herzen tönt das Wort mir
'Deines Geistes Hab' ich einen Hauch verspürte
Wie von dem lieben Gefährten einer langen Wanderung nehme ich heute von dem Esope der Marie Abschied. Möge die Ausgabe des verdienten Mannes, ohne dessen gedruckte und handschriftliche Vorarbeiten ich sie kaum hätte unter- nehmen können, nicht ganz unwürdig sein!
Coburg, den 22. November 1897.
Karl Warnke.
Inhalt.
Einleitung. pag.
I. Die Ueberliefening III
II. Verhältnis der Hss XII
III. Die Quelle XLIV
IV. Uebersetzungen und Bearbeitungen.
1. Der liomulns Roberti und die Sammlung LBG XL VIII
2. Das Pariser Promptuarium Exemplorum ... LX
3. Die Mischle Schualim des Berachjah ha Nakdan LXVIII
4. Die italienische Uebersetzung LXXIV
V. Die Sprache der Marie LXXX
VI. Die Reihenfolge der Werke und ihre Abfassungszeit . CXII
VII. Lautkritisches Verfahren CXIX
Der Esope der Marie de France.
Prologus 3
I. De gallo et gemma (>
II. De lupo et agno b
III. De mure et rana 11
IV. De cane et ove 18
V. De cane et umbra 21
VI. De sole nubente 23
VII. De lupo et grue 2(j
VIII. De cane parturiente 21)
IX. De mure urbano et mure silvestri 33
X. De vulpe et aquila 3S
XI. De leone venante 40
XII. De aquila et testudine 44
XIII. De Corvo et vulpe 47
XIV. De leone aegroto 50
XV. De asino adnlante 53
XVI. De leone et mure 57
XVII. De hirundine et homine linnm semente ßl
XVin. De rananim rege 64
XIX. De columbarum rege 68
XX. De füre et cane 70
XXI. De lupo et sue 73
XXII. De leporibus et ranis 75
XII
INHALT.
pat,'.
XXIII. De vespertilione 7S
XXIV. De cervo ad fontem 83
XXV. De vidua 85
XXVI. De lupo et cane 88
XXVII. De ventre et membris 91
XXVIII. De simia et vulpe 93
XXIX. De lupo regnante 96
XXX. De lupo et pastore 105
XXXI. De pavone et Junone 108
XXXII. De agno et capra 110
XXXIII. De füre et ove 112
XXXIV. De simiarum imperatore 115
XXXV. De asino et leone 120
XXXVI. De leoue et vulpe 123
XXXVII. De leoue et homine 125
XXXVIII. De pulice et camelo 130
XXXIX. De formica et cicada 132
XL. De cornice et ove 135
XLI, De homine divite et servis 137
XLII. De homine divite, qui sanguinem minuit 139
XLIII. De rustico et scarabaeo 142
XLIV. De muliere et proco eius 145
XLV. Iterum de muliere et proco eius 148
XLVI. De volucribus et rege earum 153
XLVII. De equo vendito 159
XL VIII. De füre et sortilega 164
XLIX. De fabro et securi 168
L. De lupo et ariete 171
LI. De simia et prole eius 1T4
LH. De dracone et homine 177
LIII. De eremita 180
LIV. De rustico orante et equum petente 184
LV. De rustico stulte orante 186
LVI. De rustico et monedula eius 188
LVII. De rustico et nano 191
LVIII. De vulpe et umbra lunae 194
LIX. De lupo et corvo 196
LX. De vulpe et gallo 198
LXI. De vulpe et columba 201
LXII. De aquila et accipitre et columbis 204
LXIII. De equo et agro 206
LXIV. De homine et equo et hirco 207
LXV. De lupo et scarabaeo 209
LXVb. De lupis 214
LXVI. De accipitre et philomena 215
LXVII. De Corvo pennas pavonis inveniente 217
INHALT.
XUI
P«Mf.
LXVIII. De leone iufirmo 219
LXIX. De vulpe et urea 224
LXX. De leone aegrotaiite 227
LXXI. De lopo et ericio 232
LXXII. De homine et serpente 23(i
lAXIII. De iiiure uxorem petente ^ 244
LXXIV. De scarabaeo 251
LXXV. De apro et asino 255
LXXVI. De taxo et purcellis 257
LXXVII. De lupo et ericio T 259
LXXVIII. De lupo et uauta 261
LXXIX. De accipitre et noctua 264
LXXX. De aquila et accipitre et ardua 267
LXXXI. De presbytero et lupo 271
LXXXII. De vipera et campo 273
LXXXIU. De hirandine et passeribus 275
LXXXIV. De homine et bobus 279
LXXXV. De ape et musca 281
LXXXVI. De milvo 284
LXXXVII. De duobus lupis 286
LXXXVm. De lupo et vulpe 289
LXXXIX. De lupo et capra 291
XC. De homine et mensura 293
XCI. De cerva hinnulum instruente 294
XCII. De Corvo et pullo eins 297
<XCIII. De lupo et capro 299
XCIV. De homine et uxore litigiosa 304
XCV. De uxore mala et marito eins 307
XCVI. De lepore et cervo 311
XCVII. De lupo et columba 313
XCVIII. De catto et vulpe 315
XCIX. De homine in nave 319
C. De sene et equite 321
CI. De catto infulato 323
CIL De femina et gallina 325
Epilogus 327
Anhang I. Zusatzverse der Hss 329
Anhang II. Das Yorker Avianfragment 341
Bemerkungen und Berichtigungen 355
Glossar 371
Eigennamen 426
Fundorte der Fabeln in den Hss '. . . . 427
Reihenfolge der Fabeln in Roqnefort's Ausgabe .... 445
EINLEITUNG.
I
HiV>liotheca Normaanica VI.
I.
Die Ueberlieferung.
Die Faljehi der Marie de France gehörten zu der Lieblings- lekttire des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahr- hunderts. Es sind nicht weniger als dreiundzwanzig Hss. bekannt, die dieselben ganz oder teilweise enthalten. Diese Hss. befinden sich in London, Oxford, Cambridge, York, in Paris, in Brüssel und endlich in Rom.
a) Hss. des Britischen Museums in London.
1. A. Ms. Harley 978. 4«, 162 BL; um die Mitte des 13. Jh. in England angefertigt. Die Fabeln stehen fol. 40a bis 67b. Die Hs. enthält von derselben Hand geschrieben fol. 118a bis 160a die Lais der Marie. Eine Notiz Sir Frederic Madden's auf dem Schmutzblatt der Hs. lautet: ^In all prohahiliti/ the earlier portion of this volume was tvritten in the Abhei/ of Beading, ahout the year 1240.' (April 1862). Die Hs. enthält alle Fabeln, sowie den Prolog und Epilog. Vgl. Über die Hs. Ward, Catalogue of Romances I, p. 407 ff.; H, p. 291 ff. und Hervieux, Les Fabulistes latins, 2"'»' ed., I, p. 760.
2. B. Ms. Vespasian B. XIV. Schmal-fol., 114 BL, noch im 13. Jh. in England geschrieben. Fol. 19a — 32b. Dieselbe Hs. enthält den Lai von Lanval fol. 1 — 8. Die Hs. ist unvoll- ständig, ausserdem durch Verlust von Blättern im Anfang ver- stümmelt. So sind vom Prolog nur noch acht Verse erhalten; ferner fehlen die Fabeln 30 — 33, 44, 63 und der Schluss von F. 69 an. Vgl. Ward, Catalogue II, p. 307 und Hervieux, Les Fabulistes latins I, p. 760.
IV EINLEITUNG.
3. C. Ma. Harley 4388. Kl. 4", 120 Bl., 18. Jb., Fol. 78— 96. Es fehlen F. 5, 0, 11, 52, 78, 79, 86, 87, 90, 92, 98, 97—101. Vgl. Romania I, 1872, p. 206, Ward, Catalogue I, p. 810; II, p. 306 und Hervieux, Les Fabulistes latins I, p. 761.
b) Hs. in Oxford.
4. D. Coli. Douee 132. 13. (oder 14.) Jh. Die Fabeln stehen fol. 35 — 61b. Es fehlt F. 82. Die Hs. ist beschrieben von Fr. Michel, Rapport, p. 142if., von R. Reinsch, Guillaume le Clerc's Bestiaire, p. 28, und im Catalogue of the printed Books and MSS. bequeathed by Fr. Douce to the Bodleian Library, Oxf. 1840. Nicht erwähnt von Hervieux.
c) Hs. in Cambridge.
5. E. Ms. E. e. 6. 11. Kl. fol., 83 Bl., erste Hälfte des 13. Jh., in England geschrieben. Vgl. P. Meyer, Romania XV, 1886, p. 268. Die Fabeln stehen fol. 39—83. Der Sammlung voran steht als Titel Incipit liher qui dicitur Esope; jede Fabel trägt eine besondere lateinische Ueberschrift. Es fehlen F. 63, 64, 70 — 101, Ep. Vgl. Cat. of the manuscripts preserved in the library of the Univ. of Cambridge, II, 1857, p. 260 und Hervieux I, p. 761.
d) Hs. in York.
6. Y. York Minster Library XVI, K. 12, Pt. L 4», 36 Bl. Auf dem Schmutzblatt ist folgender von H. P. (Hermann Pauly) unterzeichneter Vermerk: This volume is of the ivrHiny of the latter pari of the XIII th Century, H. Suchier rückt indessen mit mehr Recht die Hs. in den Anfang des Jh. Die Fabeln stehen fol. l-21d. Es fehlen F. 19, 22, 24, 26, 27, 29, 32, 33, 35, 37, 59, 62, 63, 66, 69, 72 — 74, 76, 80, 82-84, 86—88, 90, 92, 95, 99—101, Ep. Dagegen enthält die Hs. als Ein- schiebsel auf fol. 19b — 22b neun Fabeln, die das Fragment einer bis jetzt unbekannten Avianbearbeitung bilden und die unten p. 341 abgedruckt werden. Den Schluss der Yorker Hs. fol. 23 — 36 b nimmt das Leben des heiligen Brandan ein. Ein Facsimile der ersten Seite der Hs. findet sich als No. 319 der Sammlung der Ecole des Chartes. Nicht erwähnt von Hervieux.
I. DIE UEBERLIEFERUNO. V
e) H88. der Bibliotht^que Nationale iu Paris.
7. 0. Ms. fr. 1446, früher 7534. 3. 3. Fol., 210 Bl., 13. und Anfang des 14. Jh. Fol. 88d— 108c. Den Fabeln voran geht der Couronnement Kenard; die dies Gedieht mit den Fabeln verbindenden Verse s. Anhang I, p. 829 und Hervieux I, p. 734. Die Fabeln selbst folgen ohne Unterbrechung oder Zwischen- raum und ohne Ueberschriften auf einander. Der Anfang einer neuen Fabel, wie der Anfang des Epimythions ist durch farbige Initialen, rot und blau, kenntlich gemacht. Es fehlen F. 27, 94, 95. Das Stück, das ich mit 65b bezeichne, wurde von dem Schreiber als selbständige Fabel angesehen (rote Initiale) und mit einer eigenen Moral versehen (blaue Initiale); es wurde indess von dem Bibliothekar, der die einzelnen Fabeln mit Bleistift numerierte, nicht mitgezählt. Vgl. über die Hs. Taschereau, Catalogue I, p. 228 und Hervieux I, p. 742.
8. N. Ms.fr. 1593, früher 7615. 4^ 218 BL, 13. Jh. Die Hs. gehörte, wie ein Vermerk seiner Hand uns lehrt, Claude Fauchet. Die Fabeln nehmen die 23. Stelle unter den 75 poetischen Werken der Hs. ein; sie stehen fol. 74a — 98 d. Dort schliesst die alte Hand mit dem 11. Verse des Epilogs. Die übrigen elf Verse des Epilogs (fol. 99 a), der noch um zwei weitere am Schluss vermehrt ist, sind von einer späteren Hand, die auch das folgende Evangile des Femmes geschrieben hat, hinzugefügt. Die Hs. enthält sämtliche 102 Fabeln der Marie; 65 b ist als besondere Fabel geschrieben. Die einzelnen Fabeln haben mit roter Tinte geschriebene Ueberschriften; ebenso sind die Initialen des Anfangs der Fabeln und der Moralitäten rot. Oft indessen sind diese farbigen Initialen nicht ausgeführt, sondern es ist nur Platz für sie gelassen, während der Buchstabe in kleiner Schrift am Rande vorgezeichnet steht. Ueber die Hs. vgl. Taschereau I, p. 266 und Hervieux I, p. 743.
9. M. Ms. fr. 1822, früher 7856. 3. 3, noch früher Colbert 4150. 4», 250B1., 13. Jh. Fol. 198a — 217 6^5 b. Zwischen fol. 215 und 216 fehlt ein Blatt, auf dem der Schluss von F. 83 (von V. 32 an), die Fabeln 84—88, sowie die ersten 23 Verse von F. 89 standen. Wenn Hervieux angiebt, dass in der Hs. neun Fabeln fehlen, so erklärt sich dies Versehen daraus,
VI EINLEITUNG.
dasH die Fabeln 18, 32, 7.S iiieht für sich abgeteilt sind. Vgl. Taschereau I, p. 320 und Hervieiix 1, p. 744.
10. P. Ms. fr. 2168, früher 7989b. 4», 241 Bl., 13. Jh. Die Fabeln mit der Ueberschrift Chi comenche U bestiaires. Che sont Ics fahles de x>lusieurs bestes stehen fol. 159 a — 186 b. Die Sammlung ist, abgesehen vom Epilog, vollständig; auch 65 b ist als Fabel gerechnet. Die Ueberschriften sind mit roter Tinte geschrieben; ebenso die Initialen der Fabeln und der Moralitäten. Die Hs. enthält auch die Lais von Gugemar und Lanval, sowie den Schluss von Eudemarec (Yunec). Vgl. Taschereau I, p. 366 und Hervieux I, p. 745.
11. Q. Ms. fr. 2173, früher 7791. Gr. 4«, 97 Bl., 13. Jh. Die Fabeln stehen auf fol. 58a — 92b. Sie haben keine Titel, doch stehen über jeder Fabel kolorierte Illustrationen, die den Inhalt angeben. Es fehlt F. 34. Dagegen stehen fol. 78c und fol. 92 (nach Fabel 96 und 102) als No. 61 und 103 zwei Fabliaux, mit denen Marie nichts zu thun hat (abgedruckt bei Hervieux I, p. 746 ff.). Die Hs. weist viele Rasuren und auf denselben Korrekturen von späterer Hand auf. Vgl. Taschereau I, p. 368 und Hervieux I, p. 746.
12. G. Ms. fr. 4939, früher 9616. Papierhs., 4«, 144 Bl, 15. oder 16. Jh. Die Fabeln stehen am Schluss der Hs. von fol. 123 an mit dem Titel Recueil de Contes appeles Moralites. Unten auf fol. 142 b stehen die ersten sechs Verse von F. 58, dessen zweite Hälfte sich schon auf fol. 133 b mit der Ueber- schrift Compte de lasne (ein noch folgendes et du lyon ist wieder durchgestrichen) findet. Nun hat ein anderer Schreiber, der auch F. 50, 22 einen Vers hinzugeschrieben hat, den Schluss der F. 58 nach derselben oder einer ähnlichen Vorlage angefügt, so dass F. 58, 7 bis Schluss zweimal in der Hs. stehen. Alsdann hat dieselbe Hand unter dem Titel Compte du loup et du mouton eine Fassung der Fabel vom Wolf und Lamm angefügt, die aber mit Maries Fabel nichts gemein hat; endlich noch fol. 144 die Ueberschrift Compte de la grue et du loup und den einen Vers Dung loup dit ly escris, womit seine Kraft erschöpft war. Die schlecht geschriebene Hs. enthält nur die Fabeln von 18 — 60, und auch in dieser Zahl sind noch F. 26, ferner F. 30 — 32,
I. DIE UEBERLIEFEKUNG. VII
F. 18, 1 — 12 und F. 60, 25 — 88») aupgelassen. Vgl. Omont, Cat. IV, 445 (1895); die Hs. ist nicht von Hervieux erwähnt.
13. F. Ms. fr. 12G03, früher Suppl. fr. 180. Fol, 302 Bl., 13.— 14. Jh. Fol. 279c — 3011). Ohne Ueberschriften; auch sind nicht alle Fabeln rubriziert. Es fehlen F. 94, 95. Als 51. Stück steht die Fabel von der Katze und Kerze, die Hervieux I, p. 753 nach der Hs. R abdruckt. Vgl. über die Hs. Omont, Catalogue des Mss. fr. (1896); von Hervieux nicht erwähnt.
14. R. Ms. fr. 14971, früher Suppl. fr. 63228. 4«, 56 Bl, 14. Jh. Fol 1—41; es fehlen F. 97, 99 — 102. Die Fabeln haben Ueberschriften in roter Farbe und beginnen mit schön gemalten Initialen. Nach dem Epilog {Amen Explicit) stehen von derselben Hand geschrieben noch zwei Fabeln: De la Corneille qui se vesti des plumes de tous oisiaux in sechs- silbigen Versen und Du chat qui sauoif tenir chandoile in achtsilbigen Versen (abgedruckt bei Hervieux I, p. 752 flf.). Beide Fabeln gehören der Marie nicht an. Der Verfasser des Inhaltsverzeichnisses auf den ersten Seiten des Bandes zählte sie aber zu den Fabeln der Marie, und so konnte leicht jemand, wie z. B. Robert, verleitet werden, sie für Maries Eigentum zu halten. Vgl. Omont, Catal p. 293 (Paris 1895) und Hervieux I, p. 752.
Eine aus dem vorigen Jh. stammende Abschrift von R befindet sich auf der Kgl. Bibliothek im Haag (T. 318, früher 772). Diese Abschrift (fol, 113 Bl.) gehörte zu der Sammlung Gerard's, der Ende des vorigen Jahrhunderts Sekretär der Brüsseler Akademie war (G^r. A. No. 44). Wahrscheinlich befand sich R in Brüssel (in der Bibliotheque des Ducs de Bourgogne; s. u.) und kam in den Kriegsläuften nach Paris. Die Abschrift selbst ist sorgfältig angefertigt, doch zeigt sie (')fter jüngere Formen als R. Veraltete Wörter hat Gt^rard selbst am Rande übersetzt. In einer Notiz, die den Fabeln vorangeht, wird gesagt, dass der Graf Wilhelm, auf dessen Veranlassung Marie ihre Fabeln übersetzt hat, nur 'Guillaume de Dampierre, fils de Marguerite dite de Constantinople, Comtesse de Flandre*
») 18, 13—54 steht als Muralit^ von F. HO (fol. 123b); die Moral von F. 36 folgt auf 60, 24 (fol. 134 b).
VIII EINLEITUNG.
gewesc^n sein köniK^ und dasft Marie; flcdbst au8 Flan(l(;rn stamme, welches zu Frankreich gerechnet wurde und viele Beziehungen zu England hatte. Der Schlusssatz lautet: ^Uon peut donc Tanger Marie de France parnd les Femmes Beiges (jui ont cultive les Beiles Lettres.^
Eine andere gleichfalls aus dem 18. Jh. stammende Abschrift der Kgl. Bibliothek im Haag (T. 319, früher 773) ist die Abschrift eines Teiles von II. Auch diese Hs. (4", 102 Bl.) gehört zur Gerard'schen Sammlung (Gdr. A, No. 45). Diese Abschrift ist laut der einleitenden von Gerard selbst unterzeichneten Vor- bemerkung aus zwei Hss. der Bihliotlieque des Ducs de Bourgogne, Souverains des Pais-Bas zusammengetragen. Die ersten acht Fabeln ') sind aus der Hs. entlehnt, die jetzt in der Bibl. Nat. in Paris die No. 1594, früher 7616, trägt (vgl. Robert, Fahles ined. 1, CLXIV), die übrigen 45 Stücke sind Fabeln der Marie aus 'un Ms. petit in Folio qui contient 56 feuillets ou l\2 ^^ciges ä deux colonnes\ d. h. aus R. Es sind zumeist nur solche Fabeln ausgewählt, die sonst nicht bekannt sind, nämlich F. 25, 34, 42—57, 62, 64, 65, 70, 72, 73, 78, 94, 95, 93, 83, 81, 69, 68, 71, 74, 79, 80, 84, 85, 87, 91, 92, 96, 98, 90, 61, 60, 59, 41, 67. Auch diese Abschrift ist ziemlich sorgfältig angefertigt; doch kann es keinem Zweifel unterliegen, dass sie nicht nach R, sondern vielmehr nach der eben besprochenen Abschrift gemacht ist; vgl. 60, 3 lassen R' und R- Im aus, 60, 20 R1R2 mal st. mar, 69, 14 fehlt Ri und R2, 73, 72 R'R"^ que ne le st. R que le ne, 78,37 R1R2 que st. R quar, 79,25 R'R2 sere st. R fere, 83,16 R»R2 vint st. R diiit, 87,36 R' R2 En st. A. Auch die sonstigen Bemerkungen über Marie und Wilhelm, die R- enthält, decken sich mit jenen in R'.
15. S. Ms. fr. 19152. Fol., 205 BL, 13. oder 14. Jh. Die Fabeln beginnen fol. 15 a mit dem in roter Tinte geschriebenen Titel Ci commences de Ysopes und schliessen fol. 24 d mit der Unterschrift Explicit de Ysopes. Die Hs. hat eine grosse Lücke;
^) Die Titel sind : 1. D'une femme qui se maria a im larron; 2. De la mouche et du chauve ; 3. Du bouteillier et du juis ; 4. Des gens de la cite d'Athenes; 5. De la femme qui nourrissoit sa vache et la recommandoit ; 6. ohne Ueberschrift (Fabliau von der vergessenen Feile) ; 7. Du Chevalier chauve; 8. D'un menestrier envoie par l'espose pour avoir une rohe d'un chanoine de Troies.
I. DIE UEBERLIEFERUNG. IX
es fehlen F. U (von V. 17 an) bis F. 45, ohne dass der Grund der Verstümmelung zu erkennen ist. Ausserdem fehlen F. 97, 99—102. Vgl. Hervienx I, p. 754.
16. I. Ms. fr. 24310, früher im College de Navarre, n« 85. Fol., 92 BL, 15. Jh. Die Hs. enthält eine grosse Fabelsammlung, die aus drei Teilen besteht: die ersten 59 Fabeln sind eine Uebersetzung des Anon. Nevelet., dann folgt die Uebersetzung von 18 Fabeln des Avian, den Schluss von fol. 55 an bilden 49 Fabeln der Marie. Es fehlen F. 1 — 28, 49, 51—56 58, 63, 66, 67, 75, 77, 80, 82, 85 — 93, 95 — 101, ebenso der Prolog und der Epilog. Die Hs. ist sehr schön geschrieben. Die Initialen der Fabeln und Moralitäten sind abwechselnd blau und rot; fttr Miniaturen ist Platz gelassen, doch sind dieselben nicht ausgeführt. Vgl. Hervieux I, p. 531 ff. und 755.
17. T. Ms. fr. 24428, früher Notre Dame 193 (= M. 18). Fol., 118 Bl, 13. Jh. Die Fabeln stehen fol. 89a {Oi commence Esopes) bis fol. 114d (Explicit Esopes). Sie haben mit roter Tinte geschriebene Titel, ausserdem steht über jeder Fabel eine ziemlieh grell ausgeführte Miniatur mit goldenem Hinter- grunde. Es fehlen ein oder mehrere Blätter nach fol. 106, auf denen der Schluss von F. 33, dann wahrscheinlich F. 36 — 38, 48 — 52 und der Anfang von F. 53 standen (vgl. Q). Ausserdem fehlen noch F. 34 — 35 und 75 — 102, im ganzen also 38 Fabeln und der Epilog. Ein prüder Leser hat aus den Ueberschriften alle Ausdrücke, die ihm anstössig schienen, wegradiert und ebenso die Miniaturen zu F. 44 und 69 unkenntlich gemacht. Vgl. Hervieux I, p. 755.
Aus den Hss. T und S ist eine wohl aus dem vorigen Jahr- hundert stammende Abschrift der Fabeln kopiert, die sich in der Arsenalbibliothek in Paris als No. 3124 befindet. (Früher waren die für den Gelehrten Barbazan angefertigten Bände 3123 — 25 *Anciennes Poesies extraites de difförens Mss. de la Bibl. Royale et autres' mit der gemeinsamen No. 119 bezeichnet, vgl. Henry Martin, Cat. des mss. de la Bibl. de l'Arsenal Bd. III, 1887). Den Fabeln voran geht eine Notiz des Inhalts, dass Marie im Anfang des 13. Jh. gelebt hätte und eine Zeit- genossin des Königs 'Ädnes\ d. h. Adam gewesen wäre, ^qui ä la requisition de Guülaume de Dampierre et de Marguerite Comtesse
X EINLEITUNG.
de Flandres traduisit les Fahles d'FjSope en Ämjlais, et eile les traduisit en Franrais\ &c. Die Fabeln selbst sind bis fol. 74 mit vereinzelten, ganz zufälligen graphischen Veränderungen aus T abgeseh rieben, und zwar so genau, dass F. 33 wie in T, in dem an der Stelle ein Blatt fehlt, mit V. 21 schliesst. Nach F. 74, mit der T aufhört, hat eine andere Hand von p. 310 an die Hs. S kopiert, und zwar die Fabeln 81, 00, 13, 48 — 54, 75 — 80, 82 — 89, 91 — 90, 98, Epilog. So sind F. 13 und 54 zweimal abgeschrieben.
18. V. Ms. fr. 25405, früher Notre-Dame 242 (= E. 6). 4*^, 145 BL, 14. Jh. Auf einem vorgebundenen Papierblatt finden wir eine Bemerkung, die die Hs. in das Jahr 1204 setzt, und weiterhin die Notiz, dass Fauchet jene Bemerkung eintrug. Es kann aber kaum einem Zweifel unterliegen, dass die Hs. aus späterer Zeit stammt. Die' Fabeln stehen fol. 55c — 81c (Explicit Ysopes). Es fehlen F. 30—32, 55, 60, 97, 99—102. Viele Wörter und Ausdrücke der Hs. sind später korrigiert und geändert. Ein Facsimile der ersten vier Seiten der Hs. findet sich auf PI. 70 der altern Sammlung der Ecole des Chartes. Vgl. Hervieux I, p. 757.
19. L. Ms. fr. 25406, früher Notre-Dame 192 (= M. 27). 40, 49 BL, 13. oder 14. Jh. Die Fabeln stehen fol. 31a (Ueber- schrift von späterer Hand: Fahles d'Aesope, Horaee, dePhaedrus, d'Ävienus et aultres) und gehen bis 49b {FxpUciunt fahule Isopi. Deo gracias. Amen). Am Schluss hat dieselbe Hand, von der die Ueberschrift stammt, den Epilog (nach V) hinzugefügt; ebenso hier und da in dem für Miniaturen leer gelassenen Raum über jeder Fabel eine etwas ausführlichere Ueberschrift gegeben, während zumeist die Ueberschrift am Rande sich befindet und aus einem Worte besteht. Es fehlen die Fabeln 46, 47 (Schluss), 48, 50—56, 57 (Anfang) und Q^^ bis Schluss. Die Hs. ist ganz sorglos angefertigt; es fehlen viele Verse ganz, andere sind zusammengezogen, besonders liebte es der Schreiber drei Verse gleichreimig zu machen. Vgl. Hervieux I, p. 758.
20. K. Ms. fr. 25545, früher Notre-Dame 274 his (= N. 2). 40, 14. Jh. (der handschriftliche Katalog setzt das 13. Jh. als Zeit der Anfertigung an, doch fol. 150 schliesst ein Stück mit dem Datum En lan mil seze et trois eens). Die Fabeln stehen
I. DIE UEBERLIEFERUNG. XI
fol. 29a {Ci comence Ysopet qui coniient LXXXT chapitres) nnd gehen bis fol. 45 d. Hier brechen sie (78, 16) ph'itzlich wohl infolge eines Verlustes von Blättern ab. Ebenso fehlen Blätter nach fol. 30 (9, 49). Es fehlen im ganzen F. 3, 9 (Schluss), 10—23, 78 (Sehluss), 79 bis Schluss. Die Fabeln haben ziemlich ausführliche mit roter Tinte geschriebene Titel. Vgl. Zeitschrift flir rom. und engl. Philol. 8, 24 (1884) und Hervieux I, p. 758.
f) Hs. der Arsenalbibliothek in Paris.
21. H. Ms. 3142. Fol, 321 BL, Ende des 13. Jh. Die Fabeln stehen fol. 256 — 271 ; die Seite ist dreispaltig beschrieben. Vgl. über die Hs. F. Paris, Berte aux grans pi^s, Paris 1836, p. LV, Fr. Michel, Chanson des Saxons I, p. Lllff. und Henry Martin, Cat. des mss. de la Bibl. de l'Arsenal, Bd. TU, p. 256 (1887).
^]ine genaue Abschrift dieser Hs. befindet sich in der Nationalbibl., fonds Moreau 1683, Ms. de Mouchet IV. In dem handschriftlichen Inventaire de la Collection Moreau (1862) heisst es p. 84: *1677 — 1734 Collection de Mouchet, composee ä peu pres exclusivement de copies que Sainte Palaye avait fait faire et qu'il avait souvent annotees de sa main^ Vgl. noch Omont, Inventaire des Mss. de la Collection de Moreau, Paris 1891, der die Abschrift mit gutem Rechte 'copie figiiree du Ms. de VArsenaV nennt. Am Rande der Hs. stehen zwei Reihen von Varianten, von S. Palaye und dem Grafen von Caylus aus den Hss. S und K eingetragen. Hervieux, der H nicht kennt, erwähnt diese Abschrift I, p. 759.
g) Hs. der Kgl. Bibliothek in Brüssel.
22. W. Ms. 10296 (in 10295—10304). Fol, 385 BL, aus dem Jahre 1429 (vgl. den Schluss des Epilogs in der Hs., Anhang I). Die Fabeln tragen den Gesamttitel Chi commenchc Ysopes en romans; ausserdem hat jede Fabel eine besondere kurze Ueberschrift. Nach F. 58 fehlt ein Blatt, auf dem wohl der Schluss von F. 58, ferner 59 — Ol und der Anfang von F. 79 stand; ferner fehlen F. 44—53. Vgl. Hervieux I, p. 761.
h) Us. der Vatican. Bibl. in Rom.
23. Z. Ottob.3064. 4«, 248 Bl, 14. oder 15. Jh. Sammel- band mit verschiedenem Inhalt (nicht erwähnt von E. Langlois*
XII EINLEITUNG.
NotieoH des mss. franc;. et prov. de Home antcrieurs au XVI« si^ele, Paris 1889, in Quart). Das Fragment der Fabeln (1 — 28,2) steht fol. 235 — 242. Nach dem Gesamttitel (Je sont les fahles d^Ysopet moralisees folgt eine Miniatur: di(i Dichterin arbeitet an einem Tische, auf dem sich mehrere Hlicher befinden; vor ihr kniet ein Herr, der ihr zuhört; hinter ihm stehen drei andere Personen. Cl. Fauchet hat oben am Rande noch bemerkt: Ce livre a este espose par une Marie. Die Fabeln haben Ueber- schriften; die Initialen der Fabeln und Epimythien sind ab- wechselnd blau und rot.
II. Verhältnis der Hss.
Wie verhalten sich die dreiundzw^anzig Hss., in denen die Fabeln der Marie ganz oder teilw^eise überliefert sind, unter einander? zu welchen Gruppen schliessen sie sich zusammen? und in welchem Verhältnis stehen diese, Grupppen zu einander und zum Original? Ein zweifacher Weg thut sich uns auf, um zur Beantwortung dieser Fragen zu gelangen : die Betrachtung der Reihenfolge der Fabeln in den verschiedenen Hss. und die prüfende Vergleichung der Lesarten.
1. Es ist eine bekannte Thatsache, dass die Hss. mittel- alterlicher Fabelsammlungen in der Anordnung der einzelnen Fabeln oft weit aus einander gehen. Theoretisch betrachtet, können wir uns recht wohl sachliche Momente vorstellen, die einen Abschreiber veranlassten, die Reihenfolge seiner Vorlage umzugestalten. In der Fabelsammlung z. B., die im Speculum doctrinale des Vincent von Beauvais enthalten ist, sind die Fabeln je nach der Aehnlichkeit der Moral in sieben Gruppen geteilt. So mag auch öfter in den Fabelsammlungen, die in den Vulgärsprachen abgefasst wurden, ein Schreiber sich ver- anlasst gefühlt haben, eine Fabel neben eine andere, die denselben oder einen ähnlichen Grundgedanken zur Anschauung bringen sollte oder die auch nur von demselben Tiere handelte, zu stellen. Gemeinhin indessen wird nicht Absicht bei der Umstellung der Fabeln obgewaltet haben. War es doch in der
II. VERIIAELTNIS DER HSS. XUI
That au(»h ^leiebg:iltig:, ob der Leser die eine Fabel bier oder dort bis, vorausgesetzt dass er sie Uberbaupt vorfand, und war es doch anderseits flir den Scbreiber viel scbwerer und kom- plizierter bei absiebtiieber Versebiebung fUr Vollständigkeit zu sorgten, als wenn er seiner Vorlage blindlings folgte. So werden wir in den Umstellungen der Fabeln zumeist wenigstens wobl ein freies Spiel des Zufalls zu erblicken baben. Wie leicbt konnte niebt ein Scbreiber eine oder mehrere Fabeln auslassen, wie leicbt niebt ein Blatt tiberscblagen und dessen Inbalt später naebtragen; ist docb aucb der aufmerksame Nacbleser unserer Zeit nicht gegen solche Unfälle gefeit. Ebenso konnte auch noch beim Zusammenheften der Blätter ein Versehen unter- laufen; eine oder mehrere Lagen konnten versetzt und so die ursprüngliche Reihenfolge zerstört werden. Nehmen wir an, dass derlei Zufälligkeiten sich wiederholten, und dass bei der Eigentümlichkeit des aus vielen abgeschlossenen Teilen be- stehenden Werks keinem Schreiber daran lag, die ursprüngliche Ordnung herzustellen, so werden wir verstehen, dass unter den vielen Flss. der Fabeln der Marie, die zum grossen Teil durch viele Zwischenstufen sich vom Original weit entfernt hatten, nur wenige die gleiche Reihenfolge inne halten. Es liegt nun auf der Hand, dass gewisse Versetzungen, die in einer Gruppe von Hss. wiederkehren, während sie in den andern sich nicht finden, auf Verwandtschaft und Abhängigkeit der einzelnen Hss. jener Gruppe hinweisen. So ist die Betrachtung der Reihen- folge der Fabeln so zu sagen ein primäres Mittel, die Hss. zu gewissen Klassen zu vereinigen.
2. Nach der Reihenfolge zerfallen die Texte der Fabeln in drei Gruppen, von denen die erste («) durch ADM, die zweite (ß) durch NBETGI, die dritte (7) durch HPOSRVWKLCF repräsentiert wird. Die Hss. Y und Q zeigen die charakte- rististtben Kennzeichen von a und ß, bezw. ß und 7; von dem Fragment Z lernen wir nur, dass es nicht zu y gehört. Zu der folgenden Uebersicht bemerke ich, dass ich F. 12, die in einer Reihe von Hss. und auch bei Roquefort in zwei Fabeln zerfällt, in Uebereinstimmung mit Mall als eine Fabel zähle, weil die zweite Hälfte nur eine andere Version der ersten ist, wie denn auch nur am Scbluss der zweiten Hälfte sich ein Epimythion
XIV EINLEITUNG.
findet. Ferner lasBe ich das Stück, da« ich mit 05 b bezeichne und von dem unten noch ausführlich zu handeln ist, ausser Betracht. Endlich deute ich Verstümmelung am Anfang oder am Ende einer Fabel durch einen schrägen Strich vor oder nach der Zahl an.
Gruppe a.
A: 1 — 102, Ep.
D: 1—31, 33—102, Ep.
M: 1 — 83/, /89— 102, Ep.
Y: 1 — 17 I 39—41 | 46 — 58, 60—61, 64—65, 67 — 68, 70 I 42—45 I 75, 78 — 79, 81, 85, 89, 91, 93—94, 97—98, 102 I 35 | 18, 20 — 21, 23, 25, 28, 30, 31, 34, 36, 38 I 71.
Gruppe ^.
N: 1—29 I 42—45 | 30—41 | 46, 49, 47, 48 | 50—102, Ep. B: 1—29 I 42, 43, 45 | 34—41 | 46, 49, 47, 48 | 50—62,
64 — 68. E: 1 — 16 I 102 I 17 — 29 | 42—45 | 30—41 | 46, 49,
47, 48 I 50—62, 65—69. T: 1 — 17 [39—41 | 46, 49 | 57, 55] 18-29 | 42 — 45 |
30 — 33/ I /53, 54, 56, 58 — 74. Q: 1—2 I 4—6 I 14 | 8—12 | 3 | 7 | 13 j 15 — 17 [39-41 |
46, 49 I 57, 55] 18 — 29 | 42 — 45 | 30 — 32 | 35 | 33 |
36 — 38 I 47,48 | 50—54 | 56, 58 — 59 | 95,94 | 60—93 |
96 — 102, Ep. G: 35—36/ | /18 — 25, 27—29 | 42—45 | 33 — 34 | 59—60/ 1
/36 — 41 I 46, 48, 49, 47 | 50 — 58/. I: 29 I 42—45 | 30—41 | 46, 48, 47 | 50, 57, 59—62,
64—65, 68—74, 76, 78, 79 | 84, 83, 81 | 94, 102. Z: 1—23/.
Gruppe /. HP: 1—2 I 4 — 12 I 3 | 13—46 | 49, 47, 48 | 50—102, Ep. 0: 1—2 I 4—12 I 3 | 13-26, "28-46 | 49, 47, 48 | 50 — 93,
96—102, Ep. S: 1—2 I 4—12 I 3 | 13—14/, 46 | 49, 47, 48 | 50—96, 98, Ep.
II. VEKHAELTNIS DER IISS. XV
R: 1-2 I 4—12 I 3 1 14—46 | 49, 47, 48 | 50 -96, 98 1 13 | Ep. V: 1—2 I 4—12 I 3 I 13-29 I 33—46 | 49, 47, 48 | 50—54,
56—59, 61—96, 98, Ep. K: 1-2 I 4—9/ I 24—46 | 49, 47, 48 | 50—78/. L: 1 — 2 I 4—12 I 3 | 13—19 | 23 | 20—22 | 24—38 |
58—65 I 39-45 I 49, 47/ | /57, Ep. W: 1—2 I 4—12 I 3 | 13—43 | /53— 58/ | /79— 82/ |
62 — 78 I 83—102, Ep. C: 1 I 12 I 3 I 13—46 | 49,47,48 | 50-51, 53 — 72, 75,
77, 73, 74, 76 I 10 I 7—9 | 2 | 4 | 80—85, 88, 89,
91, 94-96, 102, Ep. F: 1—2 I 4—5 I 16 I 6 I 8 I 7 I 12 I 10 — U | 9 | 13 |
40 I 3 I 14—15 I 24 I 17 — 19 | 21 | 31 | 20 | 25 |
41 I 22—23 I 26—28 | 86 | 29—30 | 51 | 32—39 | 42—43 I 46 I 44—45 | 54 | 49, 47 | 50 | 48 | 52—53 | 55—93 I 96—102, Ep.
3. Das Eigentümliche der Gruppe a ist, dass die Fabeln Pferd verkauft (47), Dieb traut (48), Axt und Bäume (49) auf einander folgen, während in den Gruppen ß und / F. 49 vor F. 47 und 48 tritt; in der zweiten Gruppe /? ist F. 29 von F. 30 durch ein Einschiebsel getrennt; in der dritten / ist F. 3 verschoben und meist direkt nach F. 12 gesetzt. Dass die ß eigentümliche Anordnung nicht die des Originals sein kann, ist leicht zu erkennen. Der erste Teil des Fabelwerks der Marie (1 — 40) ist, wie wir weiter unten sehen werden, aus dem Romulus Nilantii genommen, der zweite stammt aus einer uns unbekannten Quelle. Wenn sich auch in diesem zweiten Teil in allen Hss. noch eine kleine Anzahl von Fabeln aus Romulus nachgetragen findet, so ist es doch unmöglich, dass eine An- ordnung (i^), nach welcher der erste Teil durch mehrere fremde Stücke unterbrochen ist, als ursprünglicher angesehen werde als eine andere («, 7), in der sich die Reihenfolge des ersten Teils mit Romulus deckt. Aehnlich ist es mit /. In allen älteren Fabelsammlungen steht die Fabel von Maus und Frosch (3) regelmässig zwischen Wolf und Lamm (2) und Hund und Schaf (4); ist sie in / verrückt, so haben wir darin einen Fehler zu erblicken, der sieh im Original nicht findet. Anders
XVI EINLEITUNG.
dagegen verhält es sieh mit der Frage, ol) die Reihenfolge a 47, 48, 49 vor der Reihenfolge {^y 49, 47, 48 den Vorzug ver- dient. F. 49 (Axt und Bäume) gehört zu jenen Fabeln, die sich aus dem ersten aus Romulus geschöpften Teile in den zweiten, der durch Marie oder ihre englische Vorlage in die Litteratur eingeführt wurde, verirrt haben; sie hat also in der ganzen Ueberlieferung der Fabeln Maries die Stellung hinter F. 25, die ihr nach der Reihenfolge im Romulus zukam, aufgegeben. Ob in der Niederschrift der Dichterin oder in ihrer Vorlage die Fabel vielleicht noch an ihrer ursprünglichen Stelle hinter F. 25 stand, oder ob jene Vorlage, bezw. unsere Dichterin selber die Verschiebung vornahm, entzieht sich unserer Erkenntnis. Und ebenso muss anch jene w^eitere Frage, ob im Archetypen der Ueberlieferung der Fabeln F. 49 vor F. 47, 48 oder nach denselben stand, d. h. mit andern Worten, ob die Gesamtüberlieferung in zwei Gruppen, von denen die eine dem Original näher stand als die andere (a — '^y\ oder aber in drei Gruppen, die in gleichem Verhältnis zum Original standen {a — ^ — /), einzuteilen ist, auf das Beweismittel hin, das die Reihenfolge bietet, mit einem non liquet abgefertigt werden. Denn dass in ß und / F. 49 seiner ursprünglichen Stelle um drei Stellen näher stand als in «, wird für niemand ausschlag- gebend sein.
4. Im einzelnen lernen wir nun aus der Reihenfolge der Fabeln noch etwa folgendes über die Verwandtschaft der Hss. in den einzelnen Gruppen.
In a haben ADM die gleiche Reihenfolge, nur dass in D und M Lücken sind. Y stimmt mit ADM in der Reihenfolge F. 47, 48, 49 überein, schliesst sich aber in der Folge von F. 41, 46 an ß an und genauer an T (1-17, 39—41, 46) an. Y repräsentiert also eine Kreuzung zwischen a und ß. Nicht unmöglich scheint es, dass die Fabeln 18 — 38, die sich am Schluss nach F. 102 mit vielfachen Auslassungen und einer Umstellung (F. 35) finden, noch aus einer dritten Quelle stammen.
Der Typus ß ist am reinlichsten in N und in dem unvoll- ständigen und lückenhaften B ausgeprägt. Das gleichfalls unvollständige E zeigt die weitere Umstellung von F. 102. In T ist dann weiter zwischen Y. 17 und 18 ein Einschiebsel von
II. VEBHAELTNIS DER HSS. XVII
sieben Fabeln, das sieh in Q ganz genau wiederholt und somit auf enge Verwandtschaft zwischen T und Q schliessen lässt. Anderseits stellt Q, wie die Hss. der Gruppe 7, F. 3 nach F. 12, und wird somit aus ß und y zusammengeflossen sein. I gehört zu G, weil in beiden F. 48 auf 4(3 und 50 auf 47 folgt.
In y begnügen sich H, P, 0, S und V mit der Umstellung von F. 3 nach F. 12; R trägt, was kaum sehr in die Wagschale fällt, am Schluss noch die vergessene F. 13 nach. Dass 8, V und R eng zusammengehören, beweist der Umstand, dass alle drei mit F. 98 schliessen und dass in allen dreien F. 97 fehlt. S ist stark verstümmelt, V sonst noch lückenhaft, so dass R als der vollständigste Vertreter dieser Gruppe gelten muss. In dem unvollständigen K fehlen mehrere Blätter zwischen F. 9 und F. 24; da F. 4 auf F. 2 folgt, kann es kaum zweifelhaft sein, dass auf jenen Blättern sich auch F. 3 befand und dass K zur Gruppe / gehört. Die noch übrigen Hss. W, L, C und F zeigen weitere Umstellungen und Auslassungen, ohne dass sich aus der Reihenfolge Schlüsse über ihre Stellung innerhalb der Gruppe / ziehen liessen.
5. Das zweite Mittel, das sich uns zur Klassificierung der Hss. bietet und das das erste als stete Kontrolle begleiten mi^ps, ist die vergleichende Betrachtung der Lesarten. Sehen wir also im folgenden zu, ob und wie weit die Lesarten die aus der Reihenfolge der Fabeln gewonnenen Ergebnisse erhärten und erweitern.
Dass auch diese Untersuchung nicht überall zu bestimmten Resultaten führen wird, lehrt von vornherein ein Blick auf die Ueberlieferung. Die Fabeln gehörten zu der Lieblingslektüre des dreizehnten Jahrhunderts, sowohl diesseits wie jenseits des Kanals. Sie waren hüben wie drüben in vielen Abschriften verbreitet, von denen die überkommenen dreiundzwanzig Hss. doch nur ein kleiner Teil sind. Diese Hss. sind nun nicht immer Abschriften einer und derselben Vorlage. Schon die Reihenfolge der Fabeln zeigte, dass Y und Q wenigstens aus zwei Quellen stammten; in Y stehen, umgeben von Fabeln der Marie, ausserdem neun Fabeln, in F eine Fabel, in Q zwei Fabliaux. mit denen allen unsere Dichterin nichts zu schaffen hatte. Ein Blick auf die Hss. Q und V zeigt uns, wie man
Bibliotheca Normannica VI. \)
XVIII EINLEITUNG.
oft ZU Werke ging: in beiden llss. ist eine lange J\cilie von Ausdrücken ausradiert und durcli andere, deren (^ucdlc^ nic^ht mehr erkennbar ist, ersetzt. In der Hs. L ist der Sehluss von einer zweiten Hand und zwar direkt nach der Hs. Y hinzu- gefügt. Wenn so der Zufall uns hier Spuren der Arbeitsweise der Schreiber erhalten hat, so gehen wir gewiss nicht irre, wenn wir diese selbe Arbeitsweise auch für andere Hss. an- nehmen. Nur so lassen sich manche Uebereinstimmungen in Hss. erklären, die im grossen und ganzen offenbar nicht zusammen gehören. Deshalb muss die Kritik auch von vornherein darauf verzichten, für alle Hss. einen Stammbaum zu entwerfen, aus dem sich alle Lesarten entwickeln und erklären lassen. Trotzdem, denke ich, geben die Hss., so wie sie sind, hinlänglich Material zur Herstellung eines relativ gesicherten Textes.
6. Die wichtigste Frage, bei deren Beantwortung uns die Reihenfolge der Fabeln im Stiche liess, war, ob die Hss. in drei von einander unabhängige Gruppen, a, ß, /, zerfallen, oder ob sich zwei von diesen Gruppen, ß und 7, noch enger zusammen- schliessen. In der That fehlt es nun nicht an Stellen, an denen ß und 7 gemeinsame Fehler haben, von denen a sich frei hält. Die wichtigsten Stellen sind folgende. 1. 12, 27 — 28 lesen ADM
Le pertuset ot fet petit,
si que U aigles pas nel vit,
während Y, ß, 7 für den zweiten Vers que li akßcs n'i arenist setzen. Dass das Verspaar in dieser Fassung unhaltbar ist, entging nicht allen Schreibern; HPSR verändern den ersten Vers, indem sie ein ftst in die Reimstelle bringen. Doch auch diese Lesart kann vor der in a nicht den Vorzug beanspruchen. Die Verse stehen am Sehluss der eigentlichen Fabel und geben die Erklärung, wie die Krähe den Adler in betreff der Schild- kröte getäuscht hatte: es ist deshalb das Plusquamperfektum besser als das Perfektum und auch der Indikativ berechtigter als der Konjunktiv. — 2. In der Fabel von der Witwe von Ephesus (25) sind die V. 7—8 in Y, ß, 7 hinter V. 12 gestellt. Der Gedankengang an der Stelle ist folgender. Ein Räuber war wegen seiner Missethaten gehängt (5, 0). Ein Verwandter nahm ihn ab und begrub ihn:
II. VEEHAELTNI8 DER HSS. XIX
7, 8 Uns Chevaliers le despendi, sis parenz ert, si Venfüt. Man machte im Lande bekannt, dass, wer den Räuber ab- genommen hJitte, selber abgeurteilt und gehängt werdc^i solle (0 — 12). Es ist nun ganz unmöglich, dass der Gedanke, den V. 0— 12 ausdrucken, dem Gedanken in V. 7 — 8 vorausliegt; die Rekanntmaehung konnte doch nicht erfolgen, bevor der Iväuber abgenommen war; auch das Tem])us in V. 10 li le lamm aveit oste und ebenso die Anknüpfung mit Dune in V. 13 verbieten eine solche Annahme. — 3. In Fabel 28 will der Affe ein Stück vom Schwänze des Fuchses für seine Kinder haben. Es scheint ihm, so sagt er V. 5, dass der Fuchs einen zu langen Schwanz hätte, während seine Kinder ganz schwanzlos wären: V. G tut senz cne sunt si enfant. ß und / lesen nun mit mancherlei Abweichungen im einzelnen gerade das Gegen- teil, das etwa auf die Lesart der Vorlage zurückführt: tut sunt cue si enfant. Neben diesen drei Stellen verdienen noch Berücksichtigung: 27,7 ß{—Q)r Sing. st. Plur.; 69,8 a estre tun uoil, ßy faire le voil (K eontre, C malgrei, OF outre); 69,36 a vcnquent, ßy ueurent
Nach diesen Stellen werden wir uns auch über die Stellung der F. 49 schlüssig machen können. Da es fest steht, dass ß und / auf eine schon abgeleitete Quelle — ich nenne sie y — zurückgehen, so ist es möglich, wenn auch keineswegs sicher, dass in dieser gemeinsamen Quelle F. 49 vor F. 47 gestellt war, und dass es wenigstens das Geratenste für uns ist, im Texte bei der Stellung von a: 47, 48, 49 zu bleiben. Ich übersehe dabei nicht, dass Mall in der Tabelle, die er in seinem Aufsatz 'Zur Geschichte der mittelalterlichen Fabel- litteratur^ ZFRP IX, S. 161 ff. aufstellt, der Folge von ßy den Vorzug giebt.
7. Danach würde denn auch «, bezw. seine Quelle x, dem Archetypon näher stehen als y. Dass x das Archetypon nicht selbst repräsentiert, sondern schon eine verderbte Abschrift war, beweisen die zahlreichen Stellen, in denen ADM, bezw. vereinzelt auch ADMY eine falsche Lesart gegen ßy bieten (s. u.). Die Gruppen der y-Klasse, ß und /, auf deren Existenz wir schon nach der Reihenfolge der Fabeln schliessen mussten, trennen
b*
XX EINLEITUNG.
sich auch in den Lesarten, wenn es auch bei der Menge der stets frei operierenden Hss. nicht Wunder nehmen kann, dass das Material in dieser Hinsicht nur knapp ist. Für ß ist besonders die Stelle 16, 24 beweiskräftig, wo für das offenbar richtige engignie die Vorlage von NBETQZ ensignie hatte, woraus die verschiedenen teilweise auch sprachlich falschen Lesarten sich erklären. Zu ß gesellt sich, aber unabhängig von demselben, an dieser Stelle C. Zu beachten ist ferner 42, 7, wo ß ceo dist, das in den Text gehört, nicht hatte, und weiter 52, 5; 58, 18; 62, 2, wo die Vorlage ß eine falsche Lesart zeigte, die von den einzelnen Gliedern, w^enn auch nicht in gleicher Form, weitergeführt wurde. Die gemeinsame Vorlage von 7 las 11,32 clioisir, was weniger passt als saisir; 69, 31 / Bien (F Cum), aß Ceo; 71, 34 regardez oder esgardez für das richtige recordez; 92, 12 hatte sie durchweg das jüngere corhimis für cors eingesetzt. In andern Fällen trennt sich eine oder die andere Hs. und stimmt, mag sie nun eine andere Hs. vor Augen gehabt oder das Widersinnige der Vorlage durch Konjektur verbessert haben, mit aß überein. So liest y 48, 41 argu, dagegen S mit aß richtig augur(e), 64, 3 / buef, S mit den andern richtig huc. Anderseits stimmt Q mit y überein, 50, 25 forfet st. surfet, 92, 24 conseülier st. avancier.
8. Die vorausgehende Untersuchung lässt sich durch folgendes Stemma zusammenfassen:
0
I
X
I _y^
« I I
ß y
So einfach dies Verhältnis erscheint, so ist doch bei der Herstellung des Textes dem subjektiven Ermessen ein weiter Spielraum gelassen, und das Verfahren ist weit davon entfernt, mit gleichsam mathematischer Sicherheit in betreff der Auf- nahme der einzelnen Lesarten vorschreiten zu können. Im Gegenteil, es sind folgende Möglichkeiten denkbar:
II. VERHAELTNI8 DER HS8. XXI
1. « allein kann die richtige Lesart bieten;
2. ß + y können die Lesart des Originals besser bewahrt haben als «;
S. a-^ ß und ebenso a -f y können den ursprünglichen Text
darstellen; 4. seltener bietet ß, bezw. y allein das richtige; unmöglich ist das letztere, wenn a und ß zusammengehen. Eine Ausnahme von letzterer Regel bildet wohl nur 35, l(^, wo a und ß ( — TQ) zufällig tibereinstimmen und / unbedenklich in den Text zu setzen ist.
So muss sich denn die Kritik auch für die Fabeln der Marie mit dem Versuche bescheiden, dem Original nahe zu kommen und sich der Unmöglichkeit dasselbe zu erreichen stets bewusst bleiben.
9. Dies Gefühl wird uns aber noch mehr durchdringen, wenn wir im folgenden sehen, dass 0, auf das x und y zurück- führen, das Archetypon der ganzen Ueberlieferung, schon eine lückenhafte und von Fehlern nicht ganz freie Hs. war.
Zum Beweise ist vor allem das Stück heranzuziehen, das ich mit 65 b bezeichne. Ein Blick auf die acht Verse gentigt, um zu erkennen, dass sie ein Fragment sind. Keine der Hss. aber hat dies Fragment an eine Fabel gesetzt. In DY, BETQI, V, abgesehen von den unvollständigen GZL, fehlt allerdings das Sttick ganz, und es bleibt deshalb eine offene Frage, ob die Vorlagen dieser Hss. die ganze Fabel enthielten oder nicht. Da indessen in D, BETQ, V (in Y und 1 sind soviel Lücken, dass sie nicht in Frage kommen) alle umstehenden Fabeln in derselben Reihenfolge enthalten sind, so werden wir wohl nicht in der Annahme irren, dass die genannten Hss. das Stück einfach als unverständlich beiseite schoben. Die Hss. MHOWSCF fassten das Fragment als eine Art zweiter Moral zu F. 65 auf, die zufällig auch von einem Wolfe handelt; in den Hss. ANPRK ist das Stück als eigene Fabel rubriziert und teilweise betitelt, wie denn auch R, ebenso wie OF eigens vier Verse als neue Moral hinzufügen.
Wie nun ist das Fragment zu erklären? Le Grand d'Aussy, Fabliaux IV, 220 und ebenso Roquefort in seiner Ausgabe p. 345 fassten die Verse als Einleitung zu der Fabel 'Wolf lernt
XXIT EINLEITUNG.
lesen' (81) auf. Ihre Ansicht teilte Mall, Jahrbuch für rom. und engl. Philol. XII, p. 24f. Auch er glaul)te, dass in der lateinischen Sammlung LBG und ebenso in den uns bekannten Hss. der Fabeln der Marie jene Fabel 'Wolf lernt lesen' in zwei Teile zerrissen sei, und dass auch hieraus die enge Ver- wandtschaft, die zwischen beiden Texten besteht und von der weiter unten die Kede sein soll, erhärtet werde. Der Grund, der die genannten Forscher bestimmte, ist offenbar die Wendung
Ki sur le lou nietreit hon mestre, kil doctrinast a estre prestre, si sereit ü tuz dis gris lous, fei e engres, lais e hisdous,
die in der That ganz zu jener Fabel 81 zu passen scheint. Und doch widerspricht, wie mir scheint, dieser Anschauung folgendes. Bei allen Fabeln, die sie übersetzt, geht Marie gleich in medias res: gleich das erste Wort ist gewöhnlich das betreffende Tier oder die betreffende Persönlichkeit, von der sie erzählen will; immer ist wenigstens der Träger der Handlung gleich im ersten Satze genannt. Eine Einleitung zu einer Fabel findet sich bei ihr ebensowenig wie in LBG. Gesetzt aber auch, was mir unmöglich scheint, die Dichterin hätte einmal einer Fabel eine Einleitung vorausgeschickt, so würde sie dieselbe kaum so abgefasst haben, dass darin die spezielle Ausführung in verallgemeinernder Form erschiene. Und dies würde hier der Fall sein. Diese Schwierigkeiten schwinden, wenn wir die fraglichen Verse als die Moral, oder da die Moral stets auf menschliche Verhältnisse gemünzt ist, als eine Art Glosse, die vielleicht nicht einmal von Alfred, dem Gewährsmanne der Marie, stammt, sondern früh hinzu- gefügt wurde, zu einer für uns verlorenen Fabel betrachten. Die Fabel, zu der die Worte gehören, ist m. M. nach die, bei welcher sie sich in LBG (No. LVII De pastoribus et lupis) finden. Der Mensch macht Frieden ZAvischen Schafen und Wölfen; die Wölfe verlangen als Geiseln die Wachhunde; kaum haben sie dieselben, als sie um so sorgloser und frecher Hirten und Herden angreifen. Zu dieser Fabel passt das Wort 'Wolf bleibt Wolf, wie Marie es bietet, trefflich. Ohne Belang ist es, wenn Maries Vorlage dasselbe Thema später nochmals
II. VERHAELTNIS DER HS8. XXUI
behandelte. Der Grnnd endlieh, weshalb die Fabel leicht früh verloren gehen konnte, ist der, dass die unmittelbar voran- gehende Fabel gleichfalls von einem Wolfe handelte. Mag man indes» mit dieser Erklärung einverstanden sein oder nicht, fest steht, dass F. 05 b, wie sie unsere Ueberlieferung hat, ein Fragment ist. Dass aber das Stück schon in Maries englischer Vorlage ein Torso war, ist höchst unwahrscheinlich; die Dichterin wUrde dann sicherlich die Verse eher weggelassen haben, anstatt sie in ihrer verstümmelten Gestalt weiterzuführen. Ob die (französische) Vorlage von LBG die ganze Fabel hatte, oder ob der Kompilator der lateinischen Sammlung die Lücke erkannte und richtig nach Rom. Nil. 2, 15 ergänzte, ist nicht mehr zu sagen.
Hierzu kommt nocb folgendes. In vier z. T. unmittelbar auf einander folgenden Fabeln 26, 30, 31, 32 fehlt das Epimythion. Es ist kaum denkbar, dass die Dichterin, die in 98 Fabeln eine Moral anfügte und die gerade in der Moral die Bedeutung der Fabeln suchte (Pr. 25, 26 es essam^ües M sunt apres, u des cuntes est tiiz li fes), in vier Fabeln eine solche ausliess, bezw. wenn dieselbe schon in ihrer Vorlage fehlte, sie nicht selbst- ständig hinzufügte. Eine Reihe von Hss. haben den Mangel denn auch bemerkt und aus eigener Kraft einige Verse hinzu- gedichtet.
Von den Lesarten hebe ich in diesem Zusammenhange folgende hervor: 47, 45 aß Icü qui entre eis estetent, y Icil qui a plait od eis esteient\ nur Q hat entur, was in den Text zu gehören scheint. 79, 25 gehen alle Hss. in vergeblichem Suchen nach dem Sinn weit auseinander, und auch für uns ist die Stelle nur schwer heilbar. Ob hierzu noch 53, 16 — 17 Fuis de feudi qu'en nule (juise al vilein qu'il n^i adesast zu ziehen ist, oder ob wir in dem Satze eine auch sonst bekannte Nachlässigkeit unserer Dichterin zu erblicken haben, muss dahingestellt bleiben.
Wenden wir uns nach diesen Erru'terungen über die Gruppen der Hss., über ihr Verhältnis zum Archetypon und über die Beschaffenheit des letztern selbst, zu der Verwandtschaft der Hss. innerhalb der Gruppen. Angemerkt möge im voraus
XXIV EINLEITUNG.
werden, dass nur die wiclitigeren Stellen in Betracht kommen sollten, daH8 ich aber bei diesem Verfahren lieber zu viel als zu wenig geben wollte.
Gruppe a.
10. Gemeinsame Fehler, die die vier Hss. ADMY der ersten Gruppe a zusammenhalten, finden sich nur wenig, wie es bei dem geringen Umfang von Y und dem Verhalten, das M, wie wir weiter sehen werden, seiner Vorlage gegenüber be- obachtet, nicht Wunder nehmen kann. Ich erwähne 14, 36 saueir st. aiieir (-f-WC), 71, 18 ^mr st. par ( — D), 07, 15 asemUcnt st. emblent, 98, 28 pucJie (M huicJie) st. puchete. Dazu noch 36, 9 Uns e uns les mandot st. Unes e unes (M Vns e uns issi les m)\ 85, 12 nus f. (die Stelle fehlt in M); 93, 12 tant cum ieo poi (mes) or sai de fi (M lässt ieo aus); vielleicht auch 102, 24.
11. Desto deutlicher ist die Verwandtschaft, die AD mit M verknüpft.
a) Gemeinsame Lücken: 11,35-36; 34,51—52; 56,11—12; 70, 61—62; 71,7 — 8; 72, 50-51; 92, 13— 14i); 99, 5—8; ebenso hat 77, 8 — 12, wie aus den Flickversen in AD ilnd anderseits in M hervorgeht, in der Vorlage von ADM gefehlt. An allen diesen Stellen gehören die Verse, die ß und / bieten, in den Text.
b) Gemeinsame Fehler, die durch den Reim bekundet werden: 8,31 vigur ^.^. : deshonur st. maisim : raisun , 33, i7 plcine {Ebene) : pleigne st. chanipaigne : pleigne , 46,27 verite : envewe st. ve^lee : envelce ; vgl. noch 23, 54.
c) Gemeinsame Fehler, die aus der Silbenzahl sich ergeben: «) 4- 1 : 23, 7 BataiUe dement od li tenir st. deveient;
28,26 de iur en iur st. chescim hir; 95,24 que haitie fiissent {ceo) Iur preia; vgl. 102, 9.
ß) — 1: 10,li de li sil la ocieit st. de la suriz. Oft bessert in diesen beiden Fällen M auf eigene Faust, um die Silbenzahl Zugewinnen: 8,22; 18,22; 29,98; 70,23, 48; 72,83; 81,15; 98, 23; vgl. ferner 81, 17; auch wohl 44, 31.
^) Dass die Stelle auch in NSF fehlt, ist ohne Beweiskraft; da der Reim von V. 12 und 14 auf -er ausging, ist die Uebereinstimmung zufällig.
\
II. VEKHAELTNI8 DER H88. XXV
d) Der Sinn in ADM genügt nicht: Pr. 37; 11,10,23; 18,25; 21,23; 23,24, 45; 29,87; 33,27; 3i,33— 34, 44; 37,9; 42,32; 46, 5, (30; Ol, 30; 77, 18; 96, 20.
12. ADY gehen zusammen: 1,10 honuree st. r&niuee\ 15,27 comeui'a st. comence; 47, l ctmte ici st. racunte ici; ib. 50 cuntre- (juaitcr (im Reim) st. cimtre(juardcr\ 102, 19 (-f- 1). Die Stellen genügen weder qualitativ noch quantitativ, um aus ihnen einen Sehluss über etwaige engere Beziehungen zwischen AD und Y zu ziehen.
13. Zwischen A und D besteht die innigste Gemeinschaft. Fast jede Fabel liefert Beweise dafür.
a) Es fehlen 11, 19 — 20 und 100, 21—24.
b) Es sind zwei Verse hinzugefügt 93, 70.
c) Es sind umgestellt 29, 93, 94.
d) Der Vers hat eine Silbe zu viel: 1,3; 2,24; 3,54, 56; 4,2; 5,5; 7,30; 13,24; 14,11; 15,10, 32 u.s.w.
e) Der Vers hat eine Silbe zu wenig: Pr. 2; 1, 1 ; 3, 48; 19, 14; 21,11; 67,19; 73,8, 42 u.s.w.
f) Falsche Lesarten: 3, 38 Fussums ore que mut est bei st. Fussiins ore. amhedous mult bei; 7, 38 U da st. le deit; 23,33 De si as bestes st. Oisel e bestes; 47, 10 otrl lautre st. U otria; 47, 27 chastie st. haste; 03, 2 naparut st. n'apargut; 05, 42 drescee st. desreee; 08, 47 AI soleil se sist pur (jarisun st. A Vcissir fors de la nmisun; 73, 70 e est st. glst e fet; ib. 98 La reuer v il vne uodreient (so AD) st. La reuer tent u ne voldreient; 74, 12 um st. ver; ib. 14 a leun st. jeün; 70, 13, 14 falsche Fassung; 85, 20 Neis st. Mais; 88, 18 verite^ '.jugez st. : enciimbrez; Ep. 11 meintenur st. m'entremis.
Trotz so vieler Uebereinstimmungen, die z. T. wenigstens zeigen, dass die Schreiber ganz gedankenlos vorgingen, kann D nicht von A und A nicht von D abstammen. Das letztere verbietet schon der Umstand, dass F. 32 in D fehlt. Anderseits fehlen in A 23, 61—02, die in D erhalten sind. Ferner schliesst sich D in einer Reihe von Fällen der Masse der Hss. an und lässt A isoliert, obw^ohl die Lesart von A an und für sich verständlich ist; vgl. 29, 28 set st. sot; 30, 27 uendreit st.
XXVI EINLEllTJNG.
tiaudreit; 37,2 j;W5^ un vilain st. uti vilain prist; 42,5 gardast st. escjanlaat; 44. 34 uaut meus st. wtew« itatf^; 74, 33 /ws/ (jucres st. gueres fust\ 84, 9 jRTe st. 6W; 95, 27 s?5 st. li u. a.
Danach haben wir für A und D eine gemeinsame Vorlage («2) anzunehmen, die sich mit h'idlicher Sicherheit konstruieren lässt. Näher an a stand die Vorlage von M («i), wie sich aus den Lücken in «2 n^ 19 — 20 und 100, 21 — 24 ohne weiteres ergiebt.
14. Das Ergebnis der bisherigen Untersuchung über die Hss. der Gruppe a lässt sich auf folgende Weise darstellen:
M
I AD
Sowohl a wie a ' und a 2 wurden in England von anglo- normannischen Schreibern geschrieben, und zwar ging der Schreiber von a » willkürlicher mit seiner Vorlage um als der von «'. Während der Schreiber von «2 im ganzen wörtlich und oft auch buchstäblich seiner Vorlage folgte, führte «•, wüe aus den A, D und M gemeinsamen Fehlern hervorgeht, eine Reihe willkürlicher Veränderungen ein, die aus dem kritischen Text wieder zu verschwinden haben. Die mancherlei Versehen von a\ die zum grossen Teil auf Rechnung des heimischen Dialekts des agn. Schreibers zu setzen sind, oft aber auch aus seiner Sorglosigkeit entstehen, suchte der kontinentale Schreiber von M auszumerzen, indem er die richtige Silbenzahl herstellte und falsche Wendungen und Ausdrücke beseitigte. Da er in- dessen bei dieser Korrektur nur seinen eigenen Eingebungen folgte und sich kaum einer andern bessern Hs. bediente, so haben wir in M nur eine sorgsame Umarbeitung von a' zu erblicken und können aus seinen Veränderungen als blossen Schreiberkonjekturen für unsere Zwecke keinen Nutzen ziehen. Desto wertvoller ist M, wenn es mit AD übereinstimmt und so die Lesart von «• bekräftigt. Aehnlichem Zwecke dient auch das leider lückenhafte Y; doch ist bei den Lesarten, die
IL VEKHAELTNIS DER H88. XXVU
Y bietet, nie zu vergessen, dass sie aus einer aus a und ß
kontaniinit'rtt'ii ]U. stnninien; vgl. unten 1(5.
15. Haben wir m das Verbältnis der Hss. in der Gruppe a festgesetzt, so bUubt uns noch die Frage zu beantworten: Welches sind die Fäden, die von a zu ß und y führen? Die Hauptstellen, die hierbei in Frage kommen, sind etwa folgende:
a) ADM + Q -f- C: 18, 24 e7i pais wird aus V. 25 vorweg-
genommen, dort aber nochmals wiederholt.
b) AD -f- BNZ: 14, 9 i mint st. hi uunt. AD -f BN: 5, 16 recreit st. deceit. AD-hT: 5,17 {ü f., —1).
AD -f Q: 47, 53 sent st. seit.
AD-f-Q + L: 29, 109—110 fehlen (Die Reimsilbe -ent
ist in V. 108 und HO dieselbe). AD-hL: 1,3 (H-l); 5,5 en Vewe st. el gue\ 39,10 en
aust e st. e en aust AD-fV: 88,8 uerite st. iieure.
c) D-hE: 60, 35 — 36 umgestellt.
d) M -f- ENZ: 8, 4 peust : peust st. peust : deust. M -f- EN: 37, 19 taillier st. entaillier.
M + N: 69, 5 Tw e5 st. Tais; 101,17 dutent st. criement.
M-f-NG: 42,8 maladie st. enfcric.
M -\- NZ: 4, 19 Li juyes donques st. Li jiiyiere.
M -f- NI -}- P: 79, 20 desconeue st. descuvenue.
M -f N -}- K : 57, 33 meiame st. mes iL
M -f- B -f OB": 20, 5 donner : garder st. hailUer : guaitier.
M H- E: 36, 7 aler st. chacier; 67, 16 fu st. fist.
M + TQl + KC: 39, 1 gresillon st. eriket
M-hTQ: 58,11 en la mare vermieden durch un petit,
un po\ 60, 34 Ä teure quel deuroit gaiter st. Quant il
deit guarder e guaitier. M-hTQ-l-HKORV: 33, 3—4 eshaniier : od sa muilher
st. od sa muillier : esbaneier. M -f Q: 40, 18 uilains st. li Jiuem. M4-GI: 54,8 Sing. st. Plur. M + I -j- V: 44, 7 Quauez ueti st. Qtie veez vus. M + Z -f HFL: 13, 18 tresors st. fins ors.
XXVni EINLEITUNG.
M + I -f P: 35, 9 fable st. faule.
M -f H: 65, 2 caue st. graue; 65, 46 ront e ilefent {porfent) st. desrunt e fent\ 95, 39 neast st. passast.
M-f-HS: 65,30 consühier st. enseignier.
M -f- PKCOF: 25, 4 la tumbe son signor st. sa tumhe e nuit e jur.
M + PS: 67, 10 hien e aourne st. hien en aurne.
M -|- S: 68, 32 qiieisse st. fesisse; Ep. 2 torne st. traitie.
M -f RV: 95, 30 le euer ot dolent st. mult ot le quer triste.
M -f K : 42, 7 por le sanc dist quil st. par le sanc ceo dist. Alle diese Veränderungen können zufälliger Art sein. Sie treten weder in genügend grosser Zahl auf, noch sind sie von hinlänglich starkem Gewicht, um uns zu einem Schlüsse auf weitere Verwandtschaft zu berechtigen. Meist ist ein synonymes Wort für ein anderes eingesetzt {maladie st. enferte)^ oder es ist ein Wort falsch gelesen {seit st. sent)^ oder es sind einzelne Wörter oder Keime umgestellt: alles dies kann recht wohl von zwei oder mehr Schreibern unabhängig von einander geschehen sein.
16. Anders verhält sich die Sache mit Y. Schon die Reihenfolge der Fabeln wies darauf hin, dass die Quelle von Y eine Kreuzung der Gruppen « und ß gewesen sein müsse. Die Lesarten bestätigen dies, und zwar lehren sie, dass Y der Hs. T nahe steht. Vgl. Y + T: 4,7—8 fehlen; 6,26 niettent st. unt\ 8, 3 ii ele geust st. u estre peust (deust); 8, 14 souent par eis st. par eis souent; 8, 31 — 32 fehlen.
Y + TE: 8, 8; ib. 10 (falsches par, bezw. dune in den Vers
gebracht); 8,28 Que (aus V. 29 vorweggenommen). Y-f-TBEN: 8, 38 ist (istra) st. part
Y -f TQE: 7, 14 hien en purreit st. ele en purreit hien. Y-I-TQ: 7,2 auala st. vola; 43,3 mis fehlt; 71,46 tricheer
st. trahir.
Y 4- TQ + OF: 1, 20 de mainte femme st. d'ume e de femme.
Y -}- TQ + K: 46, 38 sasist (sest assise) st. esmelti. MY -f TQ -f PC: 7, 31 r}iei Jci sui Ions umgangen.
Y -f TQB -|- OF V ; 46,58 si vus dirrai st. si vous sai dire.
Y -f TQN -f KCOF: 46, 16 ioie st. noise.
Y + TZ: 7,32 nestranglai st. ne trenehai.
II. VEUHAELTNIS DEK II8S. XXIX
Aüderseits berührt sich Y weiter an einigen Stellen mit B:
Y + B: 39,21 durrai ieo »i. durreie; 51,3 tienent st teneient
(die Fabel fehlt in T); 68, 18 Nient st. Kiens. Y-f BN: 48,7 e ele li aidera st. ele par tut li a. (die Fabel
fehlt in T). Y-fBEN: 60, U uat st. saut (-h Teil von 7; ferner ib. 27. Y-hBE + L: 39,1 criTcet.
Endlieh ^eht Y noch mit N: Y-fNI-hKSV: 68,47 Seer (Ässeoir) st. A Veissir.
Aus der Gesamtheit dieser Stellen geht hervor, dass Y bezw. seine Vorlage nach einer Hs. der Gruppe Iß tiberarbeitet ist Ich bin geneigt, den zuletzt aufgezählten Stellen (Y— B,
Y — N) nicht zuviel Bedeutung beizulegen und somit den Typus T neben « als Grundlage der Hs. Y anzusehen. Glaubt man indess, jene Stellen nicht ausser Acht lassen zu dürfen, so ist als Vorlage von Y eine Hs. der Gruppe ^ anzusetzen, in der der Zusammenhang zwischen den einzelnen Gliedern noch inniger war, als sich heute feststellen lässt.
Schliesslich sind noch drei Stellen zu erwähnen, in denen
Y mit Hss. der Gruppe 7 zusammengeht:
Y-hF: 9,33 — 36 fehlen; V. 32 und 36 beginnen mit les suriz.
Y + F: 61, 8. Der Fuchs fordert die Taube auf, sich neben
ihn zu setzen. YF: Jeo n'os, fet ü, eil respondi st. Jeo n'os par fei, dl respundi. Offenbar hat der Schreiber von Y und unabhängig von ihm der von F, ohne zunächst auf den Schluss des Verses zu achten, die Rede der Taube nicht ohne Bestimmungswort, wie fet il, lassen wollen.
Y -f WPS: 85, 20 e honuree st. hien guardee (Zufall).
Gruppe ß.
17. Von den Hss. der Gruppe ß lösen sich zunächst die beiden in England geschriebenen B und E ab. Wenn es auch, wie natürlich, nicht an Fäden fehlt, die von B und E zu den andern Hss. der Gruppe führen, so ist doch keine dieser Stellen
XXX EINLEITUNG.
HO geartet, diiss sie für eine direkte Verwandtnehaft zwischen B und E und jenen andc^rn llss. zeugen könnte. Vgl.
BE-f T + K: 01,23 crrer st. aler.
B -f- TQ: 19, 26 si mal nun st. si hunte nun.
B + TQ + P: 20,30 deit faire üsi st. face altrcfii.
B -f Q: 14, 23, 24 sind umgestellt.
E + ISiTI + H: 40, 17 escrit st. respit.
E -f TQ : 05, 24 amis st. aidanz.
E -I- TQ 4- SRV: 46, 62 hien fehlt.
E -f T + C: 12, 10 porra^ st. porra.
E + Q: 51,11 — 12 fehlen (die Stelle fehlt in T).
E + QG-f L: 33,1 Jadis st. IssL
E -f QG -h FS: 48,39 casti ieo st. chastie (die Stelle fehlt in T).
E 4- Q + K^ 56, 14 5?* /a mist desus st. si Va mise su2. Dazu kommen noch einige der oben unter 16 angeführten Stellen.
Wenn so B und E keine innigem Beziehungen zu den andern Hss. von ß unterhalten, so könnte es nach dem Um- stände, dass beide ungefähr an derselben Stelle, bei F. 68, bezw. 69, abbrechen, scheinen, als ob sie untereinander näher verwandt wären. Indessen bieten die Lesarten keinerlei Hand- habe zur Begründung einer solchen Verwandtschaft.
18. Die auf dem Kontinent angefertigten Hss. gehören zusammen. Wenn wir zunächst die Fragmente ZIG beiseite lassen, so ist es unschwer zu erkennen, dass die Hss. NTQ auf einer Grundlage ruhen. Für die Zusammengehörigkeit spricht die Lücke 39, 27, 28 und die Gleichheit der Lesarten 29, 120 haute honor st. honur; 30, 1 di st. cimte; 56, 2 NT amoit, Q auoit st. nurrisseit; 70, 58 (+1) autre fois st. tierce feiz\ 73, 47, wo ein falsches fet il (I dist il) in den Vers gebracht ist; 74,3 sur st. en. Dazu noch die Stelle 87,21, die in T fehlt, auoit parle st. a dune p.
19. Weit inniger ist die Verwandtschaft, die T und Q zusammenhält. Es fehlen in beiden Hss. die Verse 15, 17, 18; 46,67,68; 69,23—26; 70,67 — 70; 74,23,24. Von beiden sind nach 7 1 , 24 zwei Verse hinzugefügt. In beiden sind Verse umgestellt 46, 15 — 18 und 60, 7, 8. Offenbar falsche Lesarten
II. VERHAEI.TNI8 DER HSS. XXXI
finden sich 25, 17 T A lencontree, Q l^n la contree st. AI eimitiere; 4G, 88 s'est assise st. estncUi; 46, 65, 66, wo gerade das Gegenteil ausgedrückt wird. Ausserdem findet sich eine sehr grosse Anzalil von Stellen, an denen die Fassung von TQ von der gesamten Ueberlieferung abweicht; vgl. 7,22; 8,20; 13,7,12; 15,8,44; 16,8,25; 17,17,31; 18,41; 23,34,63; 27,25; 29,115 u. s. w.
Obgleich so die beiden Hss. eng zusammengehören, so kann doch T nicht aus Q und ebensowenig Q aus T stammen. Zum Beweise genltgt es auf den Umstand hinzuweisen, dass beide Hss. Umstellungen und Lücken für sich allein haben. T stellt um 71, 5, 6; 72, 24, 25; 73, 13, 14, 22, 57, 58; in T fehlen 56,11 — 16; 71,8 — 15; 72,19, 20; in Q allein fehlen 73, 39, 40; ib. 55, 56; ib. 63, 64; 74, 11, 12; ib. 19, 20.
20. Auch das Fragment der Vaticana Z gehört zu der Gruppe NTQ; nur ist es schwer zu sagen, ob es sich mehr an N als an TQ anlehnt. Für das Verhältnis NZ sprechen neben der Reihenfolge der Fabeln die Stellen Pr. 15 entre- gtietier st. cuntrcguaitier\ 3, 23 sur la main mole (s. z. St.); 6, 14 e le tens desie est si chaut st. el tens d'este si est si eh.; 18, 4 coq St. cors (Rabe) (-f WSRV). Vgl. ferner die ge- meinsamen Lesarten Pr. 35; 1, 10; 4, 10, 19; 6, 8; 12, 1.
Anderseits geht Z mit T zusammen: Prol. 39, 40 fehlen; 3,72 traie Bt. perie; 4,36 Plur. st. Sing.; 6,22 Laissicz Bi.Laissum (-f QS); 7,32 nestranylai st. ne trenchai (+Y); 9,36 T corrent, Z coururent st. revindrent; 9, 50 Umstellung (+ YOF); 10, 16 mort st. ars (mit andern Hss.); 18, 15 estoit : mouoit st. estut : mut (mit andern Hss.).
Wenn Z anderseits mit Q oystre st. welke 12, 3 u. ö. hat, so darf nicht vergessen werden, dass oystre in Q erst für ein ausradiertes Wort eingesetzt ist. Auch auf die Ueberein- stimmnng im Tempus 22, 5 und ebenso auf die Lesart ruissel 3,37 (+P) st. guascel ist nicht sonderlich Gewicht zu legen. Ebensowenig ist die Uebereinstimmung von B und Z 16, 42 von Bedeutung.
Ob zwischen Z und dem gleich zu besprechenden G Be- rührungspunkte bestanden, lässt das sinnlose guerre 22, 4 st. grave wohl ^ ermuten; aber einen sichern Anhalt gewährt es
XXXII EINLEITUNG.
(loch ebensowenig wie die Gleichheit der Lesarten 1«. 15: 19, 20; 21, 5; 22, 2G u. (3.
Im übrigen hält sich Z von vielen Fehlern und Will- kUrlichkeiten frei, die N, T und in weit höherem Grade G aufweisen, und es fiiesst deshalb wohl aus einer Quelle, die ursprünglicher war als jene Hss. So ist es zu bc^dauern, dass die IIs., die wohl nur in der zweiten Hälfte der Fabel 16 willkürlich zu Werke geht, in so fragmentarischer Gestalt auf uns gekommen ist.
21. Die beiden noch übrig bleibenden Fragmente I und G sind eng verwandt. Vgl. 29, 4 sa voulente st. sun cire; ib. 54 vergongne st. Uidesce\ ib. 87 entre alx deux st. entre dous; ib. 88 abweichende Fassung; 33, 8 tuoü e emportoit st. portot e oscieit\ 34, 29 hien st. liuem\ ib. 43 Bu st. Au\ ib. 50 estre hinzugefügt (+1); 38,3 hien hing st. de si qne; 39,24 oisivc st. oisdive, ib. 27 plus est cmiez st. plus en est cJiiers; 40, 16 gleiche Fassung; 41, 8 aloyent la st. voleient .9?; 42, 23 force st. destreit; ib. 32 lors st. si; 43, 20 Sing. st. Plur.; ib. 26 est il ainsi st. est altresi; 45, 26 unsinnige Fassung; ib. 30 gleiche Fassung; ib. 33 lors st. Vot; ib. 41 sera st. sereit; ib. 42 aueß st. avreie; ib. 43 faites st. jurez u. s. w.
So leicht ersichtlich die Verwandtschaft zwischen I und G ist, so schwer ist es beide Hss. richtig in ß einzuordnen. I und G schliessen sich nämlich je in einer wichtigen Stelle an N an, während zu gleicher Zeit G in einer nicht weniger wichtigen Stelle zu TQ tritt. Die Hauptstelle, die für die Zusammengehörigkeit von N und I Zeugnis ablegt, steht 83, 24, 25 (s. z. St). Ausserdem spricht für die Verwandtschaft von N und I die Aehnlichkeit in der Fassung der Ueberschriften, sowie Stellen wie 61, 14 loy st. fei; 65, 4 u. ö. iusques au st. de si el; 79, 13 il soit st. a eis fust; 83, 44 monstre st. trove. G anderseits tritt zu N 31, 16: N Non fet, G Mon fait st. Nennil. G hat nun aber auch mit TQ die sehr auffallende Lücke 54, 14 — 16 gemein, wenn auch G versucht hat, durch Hiuzufügung eines Flickverses den Sehaden wieder gut zu machen. Wie können wir aus diesem Dilemma herauskommen? Ich denke nur so, dass wir annehmen, dass G oder seine Vorlage im wesentlichen nach / angefertigt, dass aber gleichzeitig eine
II. VEBHAELTNIS DER HSS. XXXIII
Hs. benutzt wurde, die zum Typus TQ gehörte. Dieser Auf- fassung widersprechen freilich Stellen, in denen IG, bezw. I allein mit TQ geht. Es sind dies 60, 20 TQIG Mal est hailliz (vgl. z. St.); ferner 69, 10 T (-f- C) hidmes, I mes huy st. ja nies, 69, 12 T (-f- S) dun grant haston, I dun gros h. st. od man ft., 70, 28 TQI molt grant uiltc st. hunie e riltc, und 74, 37 (Umstellung). Doch ist diesen Stellen vielleicht weniger Be- deutung beizulegen, wie ja auch an einigen derselben wenigstens sich noch eine andere Hs. der Gruppe /, die mit den hier in Frage kommenden nichts zu thun hat, dieselbe Fassung zeigt.
22. Nach alledem lassen sich die Hss. der Gruppe ß etwa zu folgendem Gesamtbilde zusammenstellen:
ß
ß' (England) ß'^ (Kontinent)
B E
N
|
Z(?) l G |
T 1 T |
Q
23. An vielen Stellen gehen nun eine oder mehrere Hss. der Klasse ß mit andern der Gruppe / zusammen; nur einmal indessen ist dies Zusammengehen derartig, dass die Annahme einer direkten Berührung berechtigt erscheint (TQ — OF). Ich erwähne; im folgenden die wichtigeren Stellen.
a) BET-hK: 61,23 errer st. aler. BI + HC: 68, 29 co st. ei.
B H- H: 68, 20 cnueerai st. enueiai.
B -|- C: 9, 19 uerra st. avra\ 39, 9 den ei es st. deüsses.
B -h SL: 4, 24 pris : pris st. pris : pis.
b) ETQ -I- HWRV: 62, 14 arbre st. fast ET -h C: 12, 16 porras st. purra.
EI + W: 29, 69 asemhle und demande umgestellt.
E -h P: 48, 22 esterra st. estoient.
E -j- C: 48, 24 aidez st. delivrez.
E -f S: 58, 8 ceo dut estre, ce estoit st. qu'il ot veü.
c) NQ-f OFSRV: 83, 16 duit (VIII) st. dotis (II). NZ + WSRV: 13,4, 12, 19 coc, cos st. corp, cors.
Bibliotheca Normannio» VI. C
XXXIV EINLEITUNG.
NZ 4- WSV: 6, 8 qucroH st. requiert
NZ + F: 4, 39 gleiche Fassung.
NZ + V: 7,37 tant st. ceo.
NG + P: 22, 17 gleiche Fassung.
N-fHPC: 70,40 cotipcr st. trenchier.
N + OF: 31, 16 Non fait (I Mon fait) st. Nenü\ 98, 10
piain un sac st. plaine puche. N4- RV: 54, 19 preste st. dune. N + R: 89,11 Reimwörter umgestellt. N + K: 33,3 home st. bris.
d) TQZG-fCV: 18, 15 estoit st. estut TQZ + PWC0F8: 10, 16 mort st. ars. TQZ -f S: 6, 22 Laissiez st. Laissum. TQI+Y: 46,61 sages st. sohres.
TQ -f H: 23, 63 son non st. s'onor; 33, 8 oc?ö?Y und ji)ör/ö?Y umgestellt.
TQ + P: 33,17 .9«^^ compengne st. en ?a champaigne; 46, 74 5e /a?Y nobles st. 5e nobleie\ 67, 13 ?>?>w /e baUrent st. /e debatirent] 93, 58 « uostre eus st. ^?i/r rw5.
TQ + OF: 13,19 gleiche Fassung; 26,42 dieselbe fehler- hafte Moral; 40, 12 aprendre st. ne deies; 56, 20 entendi st. ?a choisi; 61, 21 t'0?.9 st. descendrai o. ä.; ib. 31 mesteust st. m'estuvreit] 72, 72 gleiche Fassung; 74, 10 nature st. sepande\ ib. 31 r«?^/g vermieden; ib. 39 ehmisist st. chaleit.
TQ + OFPL: 63,4 a/b/e^ st. a^feZ^^.
TQ -I- OFC: 23, 16 cele mellee st. cele asemblee; 72, 57 mortes trovees st. ew /a falde tr.
TQ + K: 57, 11 ou il estoient (Q que il estoit) st. que il aveient
TQ + S: 14, 14 aigniaus st. asnes; 58, 1 leti st. gupil.
TQ-j-V: 16, 50 lor puet altresi st. piiet tut altresi.
TQ -|- L: 42, 31 melx st. meins.
TI 4- HP: 65, 15 7niex asses st. asez mielz.
TIG -f PKR: 60, 19 Vers st. Veiz.
TI + C: 69, 10 hui nies (I mes hui) st. ja mes.
e) T -f- /: 70, 49 Le euer dient que st. Bei euer dient que. T -f- 7 ( — L) : 24, 16 Us vous les ehiens st. Dune sunt li chien.
II. VERHAKLTNI8 DER H8S. XXXV
T -f P: 12, 34 jmrroit a chief st. puet a nul chief.
T + PKOF: 8, 12 les ot st. furent.
T-hOF: 49, 16 de li st. de cel
T + W: 78,95, 96 Reimwörter umgestellt.
T -h C : 69, 10 htmnes st. ja mes.
T -|- L: 63, 2 ne parut st. n^apart^ut
T + RV: 29, 111, 112 umgestellt; 65,27 tvihet : cornet st.
cornet : tvihet. T -f R: 30, 32 (fehlt in V) ne me trairent st. me descovrireni. T -|- RVC: 15, 46 apareiUier st. aparagier. T-f S: 57,23 rmwies st. en ueie. T + SK: 72,19, 20 fehlen. f) QZ-f-WOF: Fr. 8 essamples st. proverbes.
Ql-f-V: 57,23 noient st. en veie; 94,18 estaindre st.
ateindre. QG -f H: 25, 40 fa'mtis st. jolis. QG 4- SV: 47, 8 mener st. aler. Q -f- / (S fehlt): 37, 6 Vien st. Va. Q-f-H: 3,16 lahaillie st. la seignurie; 73,45, 46 fehlen;
88, 1 gupiz und lous umgestellt. Q -f- HV: 85, 8 gleiche Umstellung. Q 4-P: 8, 17 li prist a demander st. se prist a dementer \
28, 18 ce uos di ge st. jeo vus di hien; 29, 94 eschaper
st. respasser; 35,2 fier vermieden; 48,7 e.. hien st.
par tnt\ 87, 16 metons st. porttins; ib. 35 doit st. vuelt. Q -f- POF: 39, 19 alasses st. tu fusses. Q-f-POFC: 12, 30 vos di st. nus mustre. Q + PRV: 36, 28 demander st. esailter. Q-f PWKCOF: 8, 10 otrie st. herhergiee; 96,7 (K fehlt)
deesse st. sepande; 100, 3 (KC fehlen) ja vermieden;
100, 10 (KC fehlen) preudons st. viels huem. Q -f PWOFRSV (LKC fehlen): 92,24 consetllier st avancier, Q-t-PWC: 95,3 Umstellung der Reimwörter. Q 4- 0: 3, 69 hier st. neier; 73, 82 (F fehlt) a droiture
st. aventure. Q + OF: 16, 34 lanciez st. mchies; 22, 40 lahor st. dolnr\
70,11 refu st. i fu\ 10,^0 jure ^i. Jura (-fV); 79,26
gleiche Fassung. Q + OFWKC: Pr. 3 gleiche Fassung.
WXVl EINLEITUNG.
Q + F: 73,73, 74 fehlen.
Q + FC: 27, 11, 12 Sing. st. Plur.
Q f SRV: 94, 19 a la terre st. aval
Q + SR: 73, 71 el mont si fort moustier st. en mei si fort
mortier. Q-f-RV: 47, 10 lauroit st. larreit. Q -I- SK: 73, 17, 19 la lune st. la nue. Q + SC: 83,33 gleiche Umstellung. Q -f K: 47, 35 plus prolsies st. mespreisiez. Q + L: 37, 14 fait li lions st. liuem u liüns.
g) ZG + HW: 22, 26 laissie st. guerpie (: folie).
^ + 0: 5,8 Ilueques fu st. Ihiec fu ü\ 15,33 dieu in
den Vers gebracht. Z-l-V: 10, 15 Four st. Fren.
h) IG + H: 33, 11 pas ne se vouldront st. ne se vuelent pas. IG-fCS: 47, 14 amhedeiix st. tutes. TG -f F: 59, 2 gleiche Fassung. IG -}-K: 34, 8 ala st. se mist; 37, 8 villain st. leüns. IG + KC: 56,5 Si st. Cil 1 + 7: 64, 3 huef st. huc, hus.
I + H: 36,27, 28 umgestellt; 45,28 roisms st. cusins. I + HPV: 34, 44 compte, conta st. tute. I-|-P: 51,20 ee mest aduis st. e^est mis fiz\ 60,31 gleiche
Fassung; 62, 14 Heu st. fust; 71, 1 Bun . . del st. Z)6>/
. . (?e?; 74, 23 en moy pense st. en mun pense. I + PL: 44, 7 feecmÄ dous aniis st. &ßa/5 5/re amis. I -f OF: 68, 40 la pel 0 le sanc st. li sans en la pel. I-fOFRVK: 52, 14 sens st. fm. I 4- RV: 83, 52 a (de) la {sa) main st. Vendemain. I + V: 29,53 gleiche Fassung; 34,38 Que men doit il
st. Ceo que m'en deit; 84, 13 semastes st. femastes. I -f- VK: 57, 23 neant st. en veie. I-j-VC: 53,56 vauldroit st. vendreit\ 65,35 Or nus st.
Nus nus. I -h C: 29, 111 (zwei Verse fehlen).
i) G + HR: 25,32 mari st. barun:
G-fH: 25, 32 H Besforons, G Besferrons st. Besfuum; 29, 109 (Umstellung).
II. VERHAELTNIS DER HSS. XXXVn
G-j-F: 48, 13 re2}ris st. entrepris.
G -h WR V : 24, 9 niaint chien st. chiens.
G + KC: 42, 11 maU avenu st. niesavenu.
G -h K: 38,2 sen ala st. chevalcha; 45,52 ähnliche Fassung;
48, 34 soustenu st. meintenu. G -f C: 50, 17 auec st. od. G -f L: 34, 14 escuiers st. cunseilliers; 35, 13 aparceuoir
st. ja veeir.
Gruppe /.
In der letzten Klasse der Hss. lassen sich mit leidlicher Sicherheit zwei Gruppen unterscheiden, von denen die erste aus den Hss. HPWKCOF, die andere aus SRV besteht. Für die Hs. L geben die Lesarten kaum irgend welche Anhalts- punkte zur Einreihung.
24. In der Gruppe HPWKCOF weist die gemeinsame Lücke 20, 89 — 90 auf Zusammengehörigkeit hin.
Am nächsten dem Archetypon / dürfte von diesen Hss. trotz mannigfacher Aenderungen im einzelnen H stehen. Schon die Beibehaltung des charakteristischen sepandc, das alle andern Hss. eliminieren, spricht dafür. Ich möchte deshalb im Gegen- satz zu Hervieux's Urteil (I, p. 759) gerade dieser Hs. die Führerschaft in der Gruppe / zuweisen. Im einzelnen nähert sich nun H besonders der Hs. P. Vgl. 48, 17 H La sorciere a dont eil mandee, P La s. a donc m. st. II a la s. m. ; 60, 29 graut st. dreit; (38,46 fuit st. vet (-|-E); 81, 14 Tex U (P la) pensers tele la bouche st. Tel en pense tel en la houche; 92, 7 aler st. voler. Vgl. noch folgende Stellen, an denen sich noch eine andere Hs. an HP anschliesst: 22, 15 nmres st. mare (+ W); 23, 68 ehamp st. eurt (+ WC); 29, 78 vint st. vit (-f IC); 34,44 (conta) (conte) st. tute (+ V); 45, 15 vous st. mei (-}- KCOF).
Im übrigen berührt sich H an einzelnen Stellen mit allen andern Hss. der Gruppe 7; doch keine dieser Stellen lässt auf direkte Beeinflussung schliessen. Vgl. H-f KOF + M: 8, 12 espanis st. esj)eldriz. H -f WKOF: 36, 3 eave st. grave.
XXXVIII EINLEITUNG.
H + KCOF (W fehlt): 48,7 toz iors, toiis dis st. partut
(+EI); 72,22 vint st. fu. H + KCFS: 47, 10 donroit st. larroit H + F: 11, 1 drois st. leis. H -f COF: 17, 29 fable st. semhlance. H + WRV: 39, 1 crisnon st. criket H -f WC: 22, 26 caue st. yrave. H + W: 22,4 caue st grave; 83,4 voloient st. osoent; 86,15
auient de mainte gent st. 65^ c?e ?a /bZe ^ew<; 91, 12 mere
st. fe/55e.
H + KC: 62, 14 ales st. volez. H + KV: 69, 16 corut st. ful H -f- K : 2, 3 2Mr (au) deseure st. en la surse. H-fCS: 68,22 ardoir st. desfaire (+ T). H -h SRV: 61, 34 est mains kons engignies st. sunt plusur engigfiiez\ 63, 4 escheflez st. ästeten; 95, 4 tr icher esse st.
H + SR: 46, 12 ^m^ Ze^ &ö/6^ st. Zi*^ Ze fto^s (+ E).
H + S: 8, 11 ne fiirent st. ele ot eü\ 53, 53, 54 fehlen; 83, 34
8es fist rentrer st. Sis refist entrer. H-f-RV: 15,33 sescriaie) st. haro\ 46,34 moult (trop) laide
st. malvaise; 88, 24 tro^) st. muU', 98, 13 sermon st. raisun
(+Y). H + V: 72, 17 ?i serpens U donna st. e e? li duna niult; 85, 8
e traveilloit e atraioit st. e atraioit e travaillot (-|- Q); 93, 11
siu st. fui.
25. Die Hss. PWKCOF gehören zusammen. Es fehlen zunächst 45, 27 — 28, worauf V. 29 und 30 umgestellt sind (fehlt in W). Ebenso ist umgestellt 72, 63, 64. Offenbar unrichtige Lesarten sind: 8,10 otrie st. herhergiee (: preiee) (+Q); 23,34 justice st. sepande (fehlt in K) ; 34, 56 deserte st. desire\ 44, 34 que st. c (fehlt in W); 47, 52 delivrer st. doctriner ( — C, fehlt in W); 65,2 grange st. grave ( — W); 96, 7 deesse st. sepande (+ Q, fehlt in K). Vgl. ferner die Lesarten: 16, 18 chai st. fu pris (fehlt in K); 16, 39 (piil ont tendu st. Jci sunt tendu ( — C, fehlt in K); 25,4 sooi seignor st. nuitejur( — W, -f-M); 41,3 — 4 Reimworte verändert; 46,72 treceor, traitour st jangleür (fehlt in W); 67, 2 parmi un champ st. par un chemin; 81, 4
II. VERHAELTNIS DER HSS. XXXIX
estoit contralieus gt. fei e engignous (-|-Q, fehlt in K); 100,10 preudons st. vielz hom (-f-Q, fehlt in KC); 101,0 creti st. eü (fehlt in KC).
26. In WKCOF finden sich gemeinsame Fehler: 37, 55, wo die Konstruktion nicht verstanden wurde, und 88, 1 (-f- Q) alerent st. siriercnt (: — ierent)\ die Stelle fehlt in K. Vgl. ferner Pr. 3, 4 livres und essemples, diz und escriz \imgestellt (-♦-Q); 29,58 greignour st. meillur ( — 0); 29, 103 ne le voel adeser st. ne vueil beste adeser; 72, 110 mort st. mal (7); 74, 18 si vint en has st. si revint has; 48, 11 Lors st. Buna (fehlt in W).
Die WS 54, 19 — 20 gemeinsame Lücke am Schluss der Fabel beruht auf Zufall.
27. KCOF halten zusammen Gemeinsame Fehler: 8, 31 a force st. la force; 24, 20 miist : dit st. res2)it : dit\ 37, 47 car (que) foiia st. ne Ven peist ja; 59,7 — 9 abweichende Fassung. Gemeinsame Lesarten: 8, 18 quel pari aler st. u aler (-f-M); 24, 13 sen fuit (F fiert) st. se met\ 26, 35 Tu ten iras ie remandrai st. Tu remaindras ieo m'en irai (-|-M); 29,5 deus facent st. deüssent; 29, 44 Si li a dit e comande st. En cmiseil li a deniande; 29,50 barons st. humes; 31,8 enlumine st. aürne; 35, 9 Sans faille st. si est f.; 40, 8 Sor le goupil st. Sie une pi€ce\ 43,24 lors les a il st. dune furent il\ 45,54 — 56 gleiche Fassung; 53,9 forment st. sovent (-fP); 56,29 quant niens estoit st. ne nient n'esteit; bS, 12 j^ourroit st peüst; 61,11 decre st. cunte; 65, 38 u. ö. lors st. dune.
28. C steht zwischen K und OF. Es neigt zu K in Stellen wie 29, 75 departie st. depesciee (: mangiee); 63, 4 ascemez st. astelez; ferner 37, 18 toti st. tut; 55, 6 parole st. preiere. Deutlicher sind die Fäden, die C mit OF verbinden: 20, 7 Amis cou dist li ehiens por eoi st. Li chiens li dist amis pur quei; 22, 4 regne st. grave; 22, 39 OF que iestre l puissent, C ou ester pussent st. que tut i seient; 29, 4 estre st. eire (+ AD); 29, 47 Cele st. Cil li; 29, 49 en fu st. se fist; 51, 16 demanda st. araisuna (mit andern); 57, 23 que hom refust st. en veie fust; 71, 31 Quant (C Com) il sen fu st. Quant el bois fu; 80, 26 ains sen ira outre la mer st. ainz passera go dist la mer; 83,4 atouchier st. aprismier (-f N).
XL EINI.KITUNG.
Die Umstelhing von K3, 15 — IG und die auffallende Lesart doli st. dut 22, 29, die F nicht hat, weist darauf hin, dass zur Herstellung von C eine Hs. benutzt wurde, die näher an 0 stand als an F. Wenn endlich C mit P 47, 21 zusammengeht, so hat wohl der Zufall sein KSpiel gehabt.
29. Weit inniger ist das Verhältnis, das 0 und F ver- bindet, a) Gemeinsame Lücken: 13, 10-- 12 (s. z. St.); 35,3 — 4 72,115 — 116; 73,71 — 72. b) Verse sind hinzugefügt 05,25 102,26. c) Umstellungen sind vorgenommen 7, 13-14; 10, 11-12 67,11-12; 98,31—32. d) Gemeinsame Fehler sind: 9,51 encuitee st. en seürte; 13, 29 couoiteus st. orcjuilhis; 14, 34 haron st. leün; 23, 18 poi st. plus; 31, 11 cou li samhloit st. (juHl se cremeit (: esteit); 37, 53 li vilains st. U liüns; 69, 25 Lors en (si) st. L'urse; 74, 12 ver (vermis) als vers {versus) verstanden; 99, 21 dist st. deit. Angesichts dieser offenbaren Fehler ist es tiberflüssig, noch die überaus zahlreichen Stellen aufzuzählen, in denen OF eigene von der Gesamtüberlieferung abweichende Fassung zeigen, wie 6,13; 10,8, 21; 12,3; 16,11; 28,11; 29, 5, 6; 30, 28; 31, 8; 33, 24, 26, 28 u. s. w.
Fast möchte man meinen, die beiden Hss. ständen in direktem Abhängigkeitsverhältnis zu einander. Dem ist indessen nicht so. Jede von ihnen zeigt mannigfache Lücken, Zusätze, Umstellungen und Lesarten, die der andern. fremd sind; vgl. für 0: Prol. 1,7 — 8, 9—10, 17 — 18, Schluss; 1,6; 2,23, 24, 29ff.; 3, 54; 4, 7, 21, 22; 9, 53; 11, 47—48; 18, 27-28, 51—52; 25,28; 29,52 u. s. w.; für F: Pr. 2,4, 33; 2,12; 3,23—24, 34—35; 7, 11 — 12; 33, 6—9 u. s.w.
Ueber das Verhältnis von OF zu TQ vgl. oben 23 d.
Es möge hier noch angemerkt werden, dass für die Hs. F das Kriterium der Anordnung der Fabeln völlig versagt. Die Reihenfolge in F ist ganz willkürlich; indess ist die Ueber- einstimmung der Lesarten so gross und beweiskräftig, dass wir völlig berechtigt sind, die Hs. F unmittelbar nach 0 ein- zureihen.
30. Die Hss. SRV, die Glieder der zweiten Gruppe in 7, entspringen aus einer Wurzel, a) Es fehlen 83, 41 — 42; 98,11 — 12. b) Es wird umgestellt 46, 25 — 26. c) Grossist
n. VEBHAELTNIS DER H88. XI.I
die Anzahl der Stellen, an denen die Lesart von SRV, ohne falsch zu sein, nicht auf Zufall beruhen kann. So sind ganze Verse mitsamt ihren Keim Wörtern umgeändert: 53, 27 — 28; 61, 11 — 12; 08,55—50; 71,43—44; 72,87 — 88; 70,1—2; 93,29—30. Die im Original schon verjüngte Deklination ist durch überein- stimmende Aenderungen hergestellt: 01,34; 05,58; 72,79—80; 74,48; 78,10; 83,7. Vgl. endlich folgende Stellen: 4,7 denoia st. re^ieia, 4, 21 U aitoit renoic st. ot le pain r., 4, 22 ce que . . ot st. que . . aveit; 9, 0 logete st. hulete; 12, 3 mole st. welke; 46, 62 biefi fehlt; 48, 7 mult st. par tut; 49, 8 aucun st. a chesciin (4- L); 53, 51 Reimwörter umgestellt; 54, 10 e uit ses cheuals fu per duz st. si esteit sis cheuals p.; 54, 10 ianiais nauera st. n^avra ja nies; 50, 30 iustice st. dreiture; 59, 13 vau&isse st. voldreic; 01, 27 en cest bois men reuoise st. qu^en cele grave voise; 03,8 gleiche Fassung; 05,10 ebenso; 05,20 malot st. frelun; 07, 10 si com il seut e rasembler st. si cum ainz fist corp res.; QO,Q mauuais st. chaitis; 71,48 la oii cuide estre st. la u li altre est; 72, 4 jjar foi st. e fei; 73, 30 par son grant vent st. qtiant il ventot; 77, 15 jameis ne taideront st. ja ne fen aiderai; 79, 4 3Iolt st. Tant; 80, 37 en cest pais st. ki la huni; 83, 3 estoit : osoit st. estoent : osoent(-\-C); 89,19 — 20 Reimwörter umgestellt; 89, 24 gleiche Fassung; 92, 10 nai mes dtite st. sui senz dute; 93, 24 aiez st. faciez; 93, 20 Ge naurai st. Tu n'avras; 93, 45 aloient st. esteient (: maneient); 94, 19 a ^ ^errtj st. a val; 90, 7 destinee st. sepande (+ M); 98, 10 ^>/e//i w«o>i euer st. pleine puclie; 98, 28 (vgl. 10) ^ow (^65) sens ne desplies st. ^a puchete ne deslies.
31. RV zeigen innigere Verwandtschaft unter einander als mit S. Nicht in Betracht können hier die Stellen kommen, die in RV übereinstimmen, die aber in S fehlen.') Fehler in RV, die S vermeidet, sind: 9,48 chans, enchant st. chaz; 03,1 une {en) herbe ernte st. u herbe erat; 79, 14 hors essillies st. orz e suilliez; 83, 43 eseris : dis st. escrit : dit; 83, 52 de sa
*) Die wichtigsten dieser Stellen sind: a) Lücken :{9, 8— 13 (Fiick- vere in V); 42,14 und 16; b) Umstellung 29, «1-62; c) Flexion des Substantivs geregelt 27, 26; 43, 24; d) einzelne Stellen: 22, 39; 24, 9; 26,17, 24, 25— -26, 31; 27,1, 6; 28,16; 29,76, 89, 100, 116; 34,6, 8; 35, 2, .32, 33, 38; 37, 26; 39, I, 3; 42. 24; 43, 4, 28; 44, 10; 54, 19; 58, 3.
XLII EINLEITUNG.
(a la) main st. Vendemain. Weitere Uebereinstimmungen sind: 4, 16 li chiens st. chescmis; 11, 38 RV qui sera moie, S que je Imirai st. quo nuls nc larra; (31,3 iut st. vint; 61, 12 KV ou grant pule ot e graut tropeil, S v graut gent furent en esueil st. II grant jfjwep/e aveit asemhU\ 65, 17 Quar st. Or; 67, 5 j9?ws se tint vil st. j9?t«s vil se tint\ 67, 15 RV Dont sen vait as corbiaux ^jarZer, S Puis sen not as corheax raler st. Dune s'en reuolt as cors aler; 67, 18 sachte st. chacie; 68, 4 distrent eliminiert; 69, 12 ja dun st. od mun\ 71,45 oir st. i;eeiV; 75,2 RV parmi (enmi) un champ, S en une uoie st. par un chemin; 78, 18 leua st. dresga; 84, 18 e g'^*e ^owfe ?a st. hien est dreiz que la; 85, 10 ce est hien verite prouuee st. e de sa maisun fors getee; 85, 24 RV se cointoie, S se nohloie st. se richeie; 87, 21 haut st. c?w>^c; 88, 19 estre st. /aiVe; 91, 36 i (en) puet auoir damage st. i i)ert par sun ultrage\ 92, 15 par tout st. par tei; 93, 55 — 56 proiere : maniere st. pramesse : messe; 94, 32 /e^i c?e5& st. 56W5 Zi c^^'e; 95, 47 sest aualee st. n'es^ ^^as alee; Ep. 14 traueiUa st. translata (-\- L).
32. Eine Stelle, die gegen das Verhältnis S — RV spricht, ist: 72, 114 SR domaige st. travail. Beachtenswerter sind die Stellen, an denen SV gegen R steht: 47, 28 ale st. mene; 51, 16 demanda st. araisuna; 81, 1 /aire letre st. Ze^re« /aeVe; 93, 16 lius st. &0/5; 96, 6 cremus st. crem; 70, 45 deff ender ai st. (?e5- r aisner ai (4-F). Nach diesen Stellen, die vielleicht doch nicht Werk des Zufalls sind, scheint es, dass V wohl aus einer mit R gemeinsamen Vorlage floss, aber mit S in Beziehung stand.
33. Schliesslich werde noch darauf hingewiesen, dass OF einerseits und R anderseits sich irgendwie berührten; vgl. 31, 18 fügen OFR sechs Verse hinzu (fehlt in SV); 65b, 8 fügen OFR vier Verse als Moral hinzu (fehlt in V); ferner 15,50 quil ont hatu st. Id fu hatu (-f-P), 16,48 nofipooir st. nimsaveir (fehlt in S); 52, 14 sens st. ßu (+ IK); 59, 6 corbel st. cors (-f TQ).
34. Fassen wir das Gesamtergebnis unserer Untersuchung zusammen, so kommen wir etwa zu folgendem Stemma:
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XLIV EINLEITUNG.
III.
Die Quelle.
Im Epilog zu den Fabeln V. Off. heisst es:
Pur amiir le cimte Will ahne, le j)lus vaülant de cest reialme, m^entremis de cest livre faire e de VEngleis en Bonianz traire. Esope apele um cest livre] Icil translata e fist escrivre, de Grill en Latin le turna. Li reis Alvrez, hi mult Vama, le translata puis en Emjleis, e jeo Vai rime en Franceis.
Aus diesen Versen geht hervor, dass die Vorlage des Esope in englischer Sprache abgefasst war und dass diese englische Fabelsammlung nach der Ansicht der Dichterin die von König Alfred bewerkstelligte Uebersetzung einer lateinischen Sammlung war, die dann weiter als eine Uebertragung aus dem Griechischen aufgefasst wird. Maries Versicherung aus dem Englischen übersetzt zu haben,') wird durch den Umstand erhärtet, dass sie einige englische Wörter, für die ihr das französische Aequivalent fehlte oder mit denen sie nichts an- zufangen wusste, in ihren Text übernahm. Diese Wörter sind zunächst die Tiernamen wihet (55, 27, tvidecoc 57, 20 und welke 12,3, 14, 18. Wichtiger als diese Wörter, von denen die ersten beiden wenigstens auch sonst üblich waren (vgl. Godefroy), ist das eigentümliche Wort sepande (23,34, 39; 74, 10; 96, 7). Dieses Wort ist von Ed. Mall (Zur Geschichte der aesopischen Fabeldichtung im Mittelalter, ZFRP, Bd. IX, S. 161 flf.) in so genialer und überzeugender Weise für die Fixierung der
1) Ein Missverständnis liegt vielleiclit auch in F. 82 vor. Bei Aesop, Phaedrus und im Komulus wird diese Fabel von Schlange und Feile erzählt; bei Marie aber von Schlange und Feld. Hat sie nun das englische ße ihrer Vorlage als jild gelesen? Ebenso gut wäre es aber auch möglich, dass der englische Uebersetzer bei lima an limus dachte.
III. DIE QUELLE. XI.V
englischen Vorlage verwertet worden, dass sein Beweisgang hier eine Stelle linden niuss.
Das Wort, das schon den Schreibern des dreizehnten nnd vierzehnten Jahrhnnderts nicht verständlich war, da sie es durch justise, deucssc, desiinee, nature, crkre ersetzen, ist das ags. sceppcnd{€\ ereator, mengl. schippend und in einigen nörd- lichen und mittelländischen Dialekten seppande (Mätzner und Goldbeck, Altenglische Sprachproben I, p. 57). Der ursprüngliche Sinn des Wortes war Marie selbst, wenn sie auch aus dem Zusammenhang die ungetahre Bedeutung desselben erfasste, nicht klar; sie würde sonst sicherlich nicht den Artikel fem. gen. davor gesetzt haben. Damit kann auch ihre Vorlage nicht in ags. Sprache abgefasst gewesen sein; denn hätte die Dichterin die ags. Sprache so weit verstanden, dass sie eine Uebersetzung aus derselben hätte anfertigen können, so hätte sie das Wort, das im Ags. häufig vorkommt, richtig verstehen und bei dem Unterschiede zwischen dem Artikel masc. und fem. gen. als masc. einfuhren müssen. Im Gegenteil, ihre Vor- lage muss aus einer Zeit stammen, wo das Wort sceppende schon verklungen war und der Artikel für beide Geschlechter schon die eine Form Jte hatte, und wo anderseits in gewissen, besonders mittelländischen Dialekten sc einfachem s hatte weichen müssen, d. h. aus der Zeit nach der Eroberung. Da nun weiter die englische Litteratur von 1066 bis 1100 nur spärliche Denkmäler aufzuweisen hat, da ferner die Eigen- namen der Tiere, die Marie und ihre Vorlage nicht kennen, um die Mitte des zwölften Jahrhunderts ganz gewöhnlich gebraucht werden, und da endlich die Sammlung zur Zeit der Dichterin ziemlich alt sein musste, weil sie dieselbe dem König Alfred zuschrieb, so kommt Mall zu dem Schluss, dass die Quelle der französischen Dichterin im Anfang des zwölften Jahrhunderts und zwar in einem mittelländischen Dialekte abgefasst wurde. Eine Spur dieser englischen Fabelsammlung hat Mall in den englischen Versen entdeckt, die sich in Wright's Latin Stories 52 finden: Of aye ich the hrongie \ Of athele ich nc mi^te (= F. 79, 29, 31).
Somit ist denn an König Alfred als den Verfasser der Vorlage der Marie nicht zu denken. Ebenso ist Hervieux's auf der Lesart dreier minderwertiger Hss. beruhende Ansicht, dass
XLVI EINLEITUNG.
der GewährHiiiann unserer Dichterin Überhaupt nicht Alfred, sondern ll(nnrich hiess, und dasH in diesem Heinrieh der englische König Heinrich L, genannt Beau-Clerc, erblickt werden müsse, von der Hand zu weisen. Im Gegenteil wird Mall wohl Recht haben, wenn er weiter annimmt, dass der Verfasser der Sammlung in der That Alfred hiess, und dass Marie nach Analogie des 'Kaisers' Komulus ihn irrtümlich zum König machte, was um so leichter möglich war, als die im Mittelalter beliebte Sammlung von Sprichwörtern, die ja doch mit der Moral der Fabeln im gewissen Sinne verwandt sind, unter König Alfreds Namen ging.
Jos. Jacobs in der hypothesenreichen Einleitung zu seiner Ausgabe von Caxtons Aesop glaubt nun diesen Alfred genauer bestimmen zu können. Nach ihm (I, p. IGl) soll der Ver- fasser der lateinischen Quelle der englischen Sammlung der philosophische Schriftsteller Alfred der Engländer gewesen sein, der von lloger Bacon (Compendium Studii, ed. Brewer, p. 471) zusammen mit Gerard von Cremona (f 1187), Michael dem Schotten, Hermann dem Deutschen und Wilhelm dem Vläming erwähnt wird. Die Zeit dieses Alfred scheint wenig fest zu stehen. Nach Th. Wright (Biographia Literaria) lebte er um 1170, nach Wüstenfeld (Göttinger Abhandlungen XXH, p. 85 — 89) ist für ihn bis auf weitere Untersuchung an der Zeit 1250 — 1270 festzuhalten. Aber selbst wenn wir uns entschliessen , in Alfred dem Engländer einen Zeitgenossen der Marie zu erblicken, kann er als ihr Gewährsmann nicht in Frage kommen. Es ist von vornherein nicht sehr wahr- scheinlich, dass ein Gelehrter, wie jener Alfred war, von dem zwei philosophische Werke in lateinischer Sprache vorhanden sind, sich damit befasste eine Fabelsammlung zu kompilieren. Wunderbar wäre es auch, dass die lateinische Sammlung Alfreds schnell ins Englische und dann sofort ins Französische übersetzt worden wäre, und dass Marie, wenn sie das Werk eines Zeitgenossen tibersetzte, über diesen so im Unklaren gewesen wäre, dass sie ihn zum König machte. Mehr als alles dies spricht aber gegen die Hypothese Jacobs' der Umstand, dass Marie bestimmt versichert, König Alfred habe die Fabeln aus dem Lateinischen ins Englische tibersetzt, nicht aber sagt, dass er sie lateinisch niederschrieb.
III. DIE QUKLLE. XL VII
Bei der grossen Vorliebe, die die Zeit für Fabellitteratur hatte, mllsste es auch auffallen, dass diese lateinische Sammlung, die so viel neues Material enthielt, nicht auf uns gekommen ist. Wir dürfen deshalb wohl mit Mall annehmen, dass der Ver- fasser der englischen Vorlage nicht nur, wie unsere Dichterin will, der Uebersetzer einer lateinischen Sammlung, sondern auch selbst der Sammler des neuen Stoffes gewesen ist. Seine Sammlung zerfällt nämlich in zwei Teile. Der erste (F. 1 — 40) geht, wie sich aus einer Anzahl von Stellen nachweisen lässt, auf den sogenannten Komulus Nilantii zurück; so zwar dass einige Fabeln (22, 25, 26, 31, 32, 41) ausgelassen sind, dass andere verstellt sind (N. 28 = M. 32, N. 28 = M. 66, N. 33 = M. 47), und dass an einigen Stellen sich Berührungspunkte mit der griechischen Fabel finden.') Der zweite Teil enthält Fabeln, die sich im gewöhnlichen Romulus finden (67, 72, 75, 82, 85, 86, 88, 89, 102); auf den Orient weisen wohl F. 52, 57, 73, und auch F. 100; für den Rest der eigentlichen Fabeln ist es schwer, wenn überhaupt möglich, die Quelle anzugeben, wenn auch die Vermutung nahe liegt, dass die Tiersage dazu ihr Kontingent gestellt hat (z.B. F. 51, 60, 61, 68, 69, 98). Neben den Fabeln stehen aber im zweiten Teile eine ganze Anzahl von Bauernschwänken (F. 41 — 45, 48, 56, 64, 83, 84, 94, 95) und Klostergeschichten (F. 49, 53 — 55, 99), die gewiss z. T. auf mündlicher Ueberlieferung beruhen. Genaueres über die Quellen Alfreds aufzustellen muss einer späteren, ins Einzelne gehenden Untersuchung vorbehalten bleiben. Jedenfalls kann aber schon heute das, was Jacobs in seiner Einleitung zu Caxton zu der Frage vorbringt, abgewiesen werden.
Die Berührungspunkte, die Alfred-Marie mit der griechischen Fabel hier und da zeigt, sowie die orientalischen Stoffe, die sich in dem Esope finden, können nach Jacobs nur aus einem arabischen Aesop stammen. In der arabischen Litteratur aber waren zu der Zeit besonders Juden heimisch, wie denn Roger Bacon in der oben erwähnten Stelle ausdrücklich sagt, dass die von ihm genannten Philosophen sich der Hilfe jüdischer
1) So ist in F. 67 der Träger der ITandhing wie im Griechischen ein Kabe statt einer Dohle (Rom. 35); ebenso geht in F. 5 der Hund über eine Brücke, anstatt über einen Flnss zu schwimmen (Rom.).
XliVIII EINLEITUNG.
Dolinetsehor bedienten. Nun ])estelit eine Fabelsamnilung in gereimter hebräischer Prosa, Mischle Seliualim, deren \'(5rfasser Berachyah ben Natronai lia-Nakdan ist. Jacobs nimmt nun an, dass dieser Berachyah um 1190 in England lebte, selbst- ständig die Mischh^ Schualim aus dem Arabischen übersetzte und zur gleichen Zeit Alfred bei seinem englischen Fabelwerk unterstutzte. Da indessen Jacobs' Alfred, wie wir gesehen haben, nichts mit dem Esope Alfred- Maries zu thun hatte, so ist auch dieser Hypothese der Boden entzogen. Im übrigen werden wir weiter unten sehen, auf welche Weise das Ver- hältnis, das zwischen Marie und Berachyah besteht, ebenso leicht wie sicher zu erklären ist.
IV. Uebersetzungen und Bearbeitungen.
1. Der Bomulus Robert! und die Sammlung LBO.
Unter den drei lateinischen Fabelsammlungen, die mit Maries Esope zusammenhängen, stehen zwei in so engen Be- ziehungen zu einander, dass sie in der Besprechung nicht wohl getrennt werden können. Es sind dies der sogenannte Romulus Roberti (Hervieux II, p. 549—562, 22 Fabeln) und die Sammlung, die wir mit Mall nach den Fundorten der wichtigern Hss. LBG nennen (Hervieux II, p. 564-648, 134 Fabeln).
In der ersten Auflage seines Werks, I, p. 583, hielt Hervieux die zweiundzwanzig Fabeln des Rom. Rob. für ein Fragment der lat. Quelle, aus der die englische Vorlage unserer Dichterin floss. Derselben Ansicht schloss sich G. Paris in seiner ein- gehenden Besprechung des Hervieux'schen Werkes (Journal des Savants 1885, 40flF.) an, wenn er sie auch durch die Be- merkung einschränkte, dass die Hs. die Fabeln nur in einer stark umgearbeiteten und* verjüngten Gestalt aufbewahrt hätte. In der neuen Auflage seines Werks, I, p. 717 ff., nimmt Hervieux die Existenz eines in seinem Kern aus dem Romulus Nilantii stammenden anglolateinischen Romulus an, aus dem der zu
IV. UEBERSETZÜNGEN UND BEARBEITUNGEN. XhlX
gleicher Zeit vier Fabeln des gewöhnlichen Romulus benutzende Rom. Hob. {derive partiel)^ die Sammlung LBG {deHvc complet) und endlich die englische Vorlage der Marie hervorgegangen wäre. Es ist sehr zu bedauern, dass Hervieux von dem bald nach der ersten Auflage seines Buches erschienenen Aufsatz Mairs (Zur Geschichte der mittelalterlichim Fabellitteratur, ZFRP IX, p. 161 ff.) nicht Kenntnis erhalten hat; vielleicht hätte er dann erkannt, dass seine Annahmen keineswegs so gesichert sind, wie er jetzt selbst zu glauben scheint. In dem genannten Aufsatz nämlich weist Mall nach, dass der Rom. Rob. aus zwei Teilen besteht, deren erster (F. 1 — 4) in der That weiter nichts ist, als die Bearbeitung einiger Fabeln des gewöhnlichen Romulus, deren zweiter aber eine Uebersetzung der entsprechenden Fabeln der Marie darstellt. Er stützt diese seine Ansicht auf folgende Punkte. In der 93. Fabel unserer Dichterin (Ziege bittet Wolf um Gnade) ist der Träger der Handlung ein Ziegenbock {buc, hus), in einigen Hss. aber ein Ochse (bucs). Dass das erste richtig ist, geht aus dem Reime hus : nus, sowie aus dem Umstände hervor, dass in der Fabel von der Wolle des betreffenden Tieres die Rede ist; die Lesart Intes entstand durch Unaufmerksamkeit der Abschreiber aus hus oder agn. htics. Im Rom. Rob. ist der Held der Fabel nun ein hos. Da aber bei dem sonstigen Verhalten der Sammlung an eine eigenmächtige Veränderung nicht zu denken ist, eine solche auch schon deshalb wenig verständlich wäre, weil der Ochse als stärkeres Tier sich dem Wolfe nicht auf Gnade und Ungnade ergeben würde, so bleibt nichts anderes übrig, als anzunehmen, dass der Verfasser des Rom. Rob. das hus seiner Vorlage nicht erkannte oder aber nach einer Hs. tibersetzte, die den Fehler schon enthielt. Ferner finden sich viele Stellen, die in Marie und im Rom. Rob. wörtlich übereinstimmen, was bei der Hypothese Hervieux's jedenfalls schwerer zu erklären wäre. Es sind aber auch noch direkte Spuren der französischen Vorlage vorhanden, indem der Verfasser zweimal mit Tiernamen nichts anzufangen wusste und das französische Wort einfach mit lateinischer Endung in seinen Text aufnahm; so wurde aus frz. mesanye (F. 46) das lat. mesanga und aus moe (F. 80) lat. moeta. Da nun endlich die lat. Sammlung wegen des Gebrauchs der Eigennamen Ysengrinus und Reinardus jünger
Bibliotbeca Normannica VI. A
L EINLEITUNG.
sein muss als Maries Esope, so kommen wir mit Mall zu dem Schlüsse, dass der zweite Teil des Rom. Rob., weit entfernt aus einem doch nur von Hervieux angesetzten anglolateinischen Romulus lierzustammen, vielmehr eine Uebersetzung von acht- zehn Fabeln aus Maries Esope ist.
Wir können, glaube ich, noch einen Schritt weiter gehen und im ungefähren wenigstens die Hs. bestimmen, nach der die lat. Uebersetzung gemacht wurde. In F. 90 (Hase Hirsch- hörner) lesen wir bei Marie
V. 5 quant altresi n'esteit cornuz e qu'il esteit si poi crem.
Für creüz haben nun SV cremuz. Dass diese Lesart falsch ist, ergiebt sich aus der Einhelligkeit der andern Hss., anderseits auch aus dem Sinn. Es kam dem Hasen nicht darauf an, Furcht zu erwecken, sondern vielmehr darauf, stattlich aus- zusehen, und dieser Gedanke ist dann nach Maries Art zweimal in zwei auf einander folgenden Versen ausgedrückt. Im Rom. Rob. lesen wir nun: Conquestus est Jovi se debile pecns et mutüum nulli aliorum formidatum, und dieser Gedanke wird weiter fortgesponnen: Petiit ergo tarn ad sui tiiitionem quam ad decorem cornua sibi dari. SV gehören nun aber gerade zu der Gruppe von Hss., die F. 93 hues st. bus haben, und zwar V gleich V. 4 (S bus)\ in S lautet die Form für Möve auch moe. Nehmen wir noch hinzu, dass alle Fabeln des Rom. Rob. in V, nicht aber in dem übrigens stark verstümmelten S enthalten sind, so gehen wir wohl kaum irre, wenn wir an- nehmen, dass die lat. Uebersetzung nach dem Typus V (S) angefertigt ist. Es verschlägt wenig, dass die Hs. der National- bibliothek 347c, die den Rom. Rob. enthält, nach dem Urteil Roberts in England angefertigt wurde, während die Gruppe VS (+R) nach Frankreich weist, und dass in der Vorlage des Rom. Rob. einige Stellen, wie z. B. 45, 47, noch nicht die Fassung der Vorlage von VR (die Stelle fehlt in S) hatten.
Schwieriger ist es, das Verhalten der lat. Fabelsammlung LBG zu Marie zu fixieren. Während G. Paris wenigstens im Jahre 1885 (Journal des Sav., p. 43) annahm, dass LBG eine Uebersetzung oder Bearbeitung der englischen Vorlage der Marie
IV. ITEBERSETZUNOEN UND BEARBEITUNGEN. LI
ist, betrachtet Hervieux, wie gesagt, auch diese Sammlung (Ulvrire complet") als Ansfluss seines anglolateinisehen Komulus. Mall dagegen vertritt die Ansicht, dass, wie der Kompilator des Kom. Roh., so auch der Vf. von LBG Maries Text vor sich hatte; seine Beweisgründe rekai)itulierte Herlet in seiner gründ- lichen Abhandlung 'Beiträge zur Geschichte der aesopischen Fabel im Mittelalter' (Bamberg, Progr. des Gymnasiums, 1892).
Es ist, abgesehen von der Streitfrage, die uns hier besctuftigt. ohne Zweifel Mails Ventienst, über die Sammlung LBG eine Klarheit vorbreitet zu haben, der sie bis dahin noch ermangelte. Der Verfasser von LBG, in der Fabellitteratur seiner Zeit wie nur einer bewandert, hat seinen Text in raffinierter, oft unmiiglich zu entwirrender Weise aus ver- schiedenen Sammlungen kontaminiert. Der Romulus Nilantii, der Romulus Neveletii, Alexander Neckam, sie alle mussten bepftahen, um an sein Werk einzelne Züge, einzelne Gedanken, einzelne Wendungen abzutreten. Nicht sjuni mindesten in irgend einer Fassung die Alfredtradition. Ist diese Fassung nun der anglolateinische Romulus oder die englische Alfredübersetzung oder Marie gewesen? Hervieux stützt die Annahme von der Existenz des anglolateinischen Romulus einzig und allein auf die Gleichheit einiger Stellen im Rom. Rob. und LBG. Stimmen diese Stellen, wie sie alle mit einer einzigen Ausnahme thun, mit Maries Versen überein , so beweisen sie für Hervieux's Be- hauptung nichts. Stimmen einige Stellen in Rom. Rob. und LBG überein, während Marie sie anders fasst — und derartige Stellen finden sich, wie wir sehen werden, auch ausser der einen von Hervieux, I, p. 7(56, beigebrachten — , so können sie eben so gut wie durch Annahme einer gemeinsamen Quelle, durch direkte Berührung zwischen beiden Sammlungen erklärt werden.
Wenn G. Paris LBG als Uebersetzung des englischen Alfred- buches betrachtet, so begründet er diese seine Ansicht durch die Worte des Prologs: Deinde rex Änglie Aff'rus in anglicam linynam eimi transferri precepit, sowie durch die Bemerkung nach F. 112 (Hervieux II, p. 635) Hactenus Esopus; qnod sequitur, addidit rex Affrus. Durch diese Stelleu hat der Verfasser von LBG, wenn er es auch nicht direkt sagt, gewiss in seinen Lesern die Vorstellung erwecken wollen, dass er nach einer
LH EINLEITUNG.
englisclien Snniinliing übersetzte. Wie in aller Welt kommt er aber dazu, den V(;rmehrer des Aesop * König Äff ras' zu nennen, der im englischen Original ohne Zweifel 'Aelfred' lautete? Gewiss wird kein Schreiber, ebenso wenig wie Marie, diesen berühmten und bekannten Namen irgendwie verschleiert haben, und es ist kaum denkbar, dass der Verfasser von LBG, der, wenn nicht alles täuscht, ein Engländer war, diesen Namen im Affrus entstellte. Wie leicht aber war es anderseits für einen Engländer, den Namen in einer französischen Hs. Älfrez, Älfres als Aff'res zu lesen und daraus weiter ein Affrus zu machen! Die Form Affrus also, weit entfernt für eine englische Vorlage von LBG zu zeugen, weist im Gegenteil auf den französischen Text der Marie hin. Will man also die Ansicht des französischen Gelehrten weiter aufrecht erhalten, so wird man genötigt sein, aus dem lateinischen Texte andere Beweis- gründe beizubringen. Was mich angeht, so muss ich gestehen, dass es mir trotz mehrmaliger und ich denke unbefangener Prüfung der Texte nicht gelungen ist, Spuren des englischen Aesops Alfreds in LBG aufzudecken. Nirgends habe ich darin eine Fassung gefunden, die als ursprünglicher gelten müsste als der Text der Marie; niemals in dem letzteren einen offen- kundigen Fehler, den jene Sammlung vermieden hätte. , Die nicht ungeschickte, die Deutlichkeit fördernde Erweiterung zu 29, 10 (vgl. Anm. z. St.). tritt zu isoliert auf, um ins Gewicht fallen zu können.
Wohl aber scheint das Umgekehrte der Fall zu sein. Leicht freilich ist es auch hier nicht, handgreifliche Beweise vorzubringen. War der Verfasser von LBG, wie wir aus dem ersten Teile seines Werkes sehen, tiberall bemüht, die Quelle, aus der er schöpfte, sorgsam zu verdecken und unkenntlich zu machen, so war er es besonders, wenn er Marie benutzte. Nicht nur, dass er eine Fabel, die sich ihm auf anderem Wege darbot, in dieser anderen Fassung bearbeitete; er änderte auch sonst oft in willkürlicher Weise. Hat er doch aus der klaren Fabel vom Mass und Messer die absurde Umarbeitung von Maler und Frau gemacht; hat er doch aus der Fabel von Wolf und Igel 71 (62), in der bei Marie der Igel dem Wolfe schliesslich zuruft, er solle sich allein helfen und dafür auch allein das Lamm behalten, die Pointe vollkommen verwischt.
IV. UEBER8ETZUNGEN UND BEARBEITUNGEN. LIII
wenn er den Wolf zn dem auf einen Baum flüchtenden Igel sagen lässt: 'Jace, misera hestiola, et defende te a canibus; ego rero fugiam in latehras silvarum, ut salvus effugiam\ Denn dass diese Fassungen die ursprünglicheren seien, wird kaum jemand behaupten, auch wenn er unserer Dichterin, die im Epilog versichert, dass sie ihre Vorlage 'propremenf übersetzte, und die im Gedicht vom Fegefeuer der Darstellung Heinrichs von Saltrey Satz fUr Satz getreulich folgte, nicht unbedingt Glauben beimessen wollte. Vielleicht lag es, wie Mall bemerkt, dem Ver- fasser von LBG als einem Engländer besonders daran, in seinem gelehrten Werke nicht als Uebersetzer einer französischen Dichterin zu erscheinen. Und doch war es ihm unmöglich, die Spuren, die von seiner Vorlage zu ihm führen, überall zu verwischen.
Die Hauptstelle freilich , auf die Mall seinen Beweis gründet, kann nicht für so wertvoll gelten, wie dieser Gelehrte es annahm. In der schönen Fabel von der Maus, die nur die Tochter des Mächtigsten auf Erden heiraten will und von der Sonne an die Wolke, von der Wolke an den Wind und weiter an den Turm geschickt wird, bis sie endlich an das Mäuslein im Turm kommt, wird der werbende Mäusejtingling bei Marie midet, in LBG mulus genannt. Mall nahm nun an, dass der Verfasser midet falsch verstand und daraus einen mulus, d. h. einen Maulesel, machte. Wäre diese Auffassung richtig, so hätte allerdings der Verfasser von LBG einen grossen Wider- sinn zu Tage gefördert: der Kern der Fabel ist doch eben, dass die Maus bei einem Tiere anlangt, das ihr gleich ist oder ihr doch nahe steht. •) Ich kann mir indess nicht recht denken, dass der Verfasser, wenn er auch gewiss kein Geistesheld war — er lässt den Raben mit dem Käse krächzen, die Schwalbe dulcibus lasciva modulis den Tag begrüssen — , in
') Wenn Mall erwähnt, dass der Lateiner selbst fühlte, wie durch das Maultier seine Fabel sinnlos und abgeschmackt wurde, da er in der Moral zu der Fabel von einem Herabsinken unter das eigene Geschlecht spricht {quando siipra se ire contendunf, infra «e corruunt), so hat er ebenso wie Herlet übersehen , dass auch Marie V. 33 denselben Gedanken hat : Tels se quide mult eshalcier \ ultre sun dreit e alever \ que pliis hos estuet returner. Der Verfasser hat also den Gedanken nach seiner Art (Mall, p. 184 u.) einfach an eine andere Stelle gerückt.
LIV EINLEITUNG.
der That oino Maus einen Maulesel heiraten lässt; sagt doch auch der Mulus seihst, als er an die Maus verwiesen wird: "^Füia ipsius neptis mea est\ Ich glaube ino Gegenteil, dass mit mulus irgend eine Mausart bezeichnet werden sollte. Das Wort ymd'us ist nun freilich in dem Sinn von Maus nicht zu belegen, wenn man nicht anders djfivon G. Paris in der Be- sprechung von Mails Aufsatz (Rom. 1886, p. G29) angezogene Stelle aus den Reichenauer Glossen {talpe midi qui terram fodunt) als Beleg gelten lassen will. Wie dem indess auch sein mag, das Stammwort zu frz. midet, nfr. midot ist jedenfalls ein lat. muUis, und dies Stammwort hat meiner Meinung nach unser Anonymus, wenn auch wegen des entstehenden Doppelsinns in recht wenig geschickter Weise, hier in Anwendung gebracht. Hat man sich einmal mit dem Gedanken befreundet, dass der Lateiner Marie benutzte, so kann man in midus recht wohl auch eine Latinisierung des englischen mole (Maulwurf) er- blicken, an das ihn das französische midet erinnerte.
Mehr Gewicht haben folgende von Mall beigebrachte Stellen. In derselben Fabel wird die Maus vom Wind an den Turm gewiesen. Zwei Hss. AD lesen offenbar unrichtig mur st. tur, und ebenso handelt es sich in LBG um einen Mtirus. ^) Weiter in derselben Fabel sagt die Mauer: miis qtd interiora mea rimatur assidue, qtd ubi fortisshnus sum, me perfodit et in summitate mea thalamos suos eollocat, ipse et quam me judtco fortiorem^) Der offenbare Unsinn, dass die Maus oben auf der Mauer ihre Gemächer haben soll, wird nur durch die Annahme erklärlich, dass der Verfasser nach einer Hs. arbeitete, die desus oder desor (so C) hatte. Eigentümlich ist auch das Zusammentreffen in der Fabel vom geschundenen Wolf (86) , wo AD senz cliapel st. senz sa pel lesen und LBG ebenfalls vom Hute spricht, wenn er sagt: Magni regis consdiarius quam Jioneste in pileo castorino et in calceis lutrinis incedit.
Ein anderes Versehen liegt meiner Meinung nach 67, 4 vor. Der Rabe hat Pfauenfedern gefunden. Dann heisst es
1) Der Mums findet sich wieder im Beruer Komnlus (Hervieux, 1. Aufl., II, p. 753); doch ist dieser Text wohl auch von Marie abhängig.
2) Hat auch der Fortsetzer des Odo (Hervieux, 1. Aufl., II, p. 685) eine ähnliche Hs. benutzt? Bei ihm sagt das Castellum: Super capud meum stercora sua dimittit.
rV. ÜEBER8ETZÜNGEN UND BEARBEITUNGEN. I.V
V. 4 Sis esguarda tut envirun;
plus vil se tint quo nul oisel.
Der Znsamroenhang zwischen V. 4 und 5 erfordert, dass wir zu lesen haben
V. 4 Si s'esguarda tut envirun.
Der Verfasser von LBG fasste aber Sis als Si les auf und über- setzte: Versans igitur eas et circumspidens honestum putat s-i eis circumdatus incedere posset.
Die Mutmassung, dass unser Lateiner eine Hs. der Gruppe a, und noch specieller eine Hs., die AD nahe stand, benutzt hat, ftthrt uns noch weiter. In a fehlen, wie wir oben gesehen haben, manche Stellen, die in den kritischen Text Aufnahme erheischen. Ist es nun nicht in hohem Grade auffallend, dass mehrere dieser Stellen auch in LBG nicht vorhanden sind? In der Fabel vom Igel und Wolf (M 71, LBG 62) schliessen beide Tiere einen Vertrag: der Igel verspricht dem Wolfe gegen die Hunde beizustehen, woflir der Wolf dem Igel auch seinerseits Hilfe im Falle der Not zusagt. Der letzte Gedanke, über dessen Notwendigkeit kein Zweifel bestehen kann, fehlt nun in ADM und in — LBG. In F. 99, 4 haben ßy vier Verse mehr, die in a und LBG nicht vorhanden sind. Sind nun die Verse echt? Notwendig für den Zusammenhang sind sie zunächst nicht; die Fassung von a und LBG gentigt zum Verständnis der Stelle. Und doch möchte ich die Verse nicht missen. Zunächst beginnen V. 3 und 7 mit Ä deu pria und in V. 4 und 8 stehen Verbalformen auf -ast, so dass es leicht möglich scheint, dass das Auge des Schreibers von V. 5 auf V. 9 hinüberirrte. Sodann haben die Verse nichts, was mit Maries Sprache nicht übereinstimmte, während sonst Zuthaten sich oft auf den ersten Blick als solche verraten. Ferner hätte der Verfasser der gemeinsamen Vorlage von ß und /, wenn er auf den fern- liegenden Gedanken, den die Verse ausdrücken, überhaupt ge- kommen wäre, sich nur an dieser Stelle ein Einschiebsel in den Text erlaubt, was doch bei so günstiger Gelegenheit, wie sie die Fabeln boten, keineswegs wahrscheinlich ist. Endlich scheint es auch, dass die Verse den Sinn vervollständigen: der reiche Reisende bittet Gott bei der Hinfahrt, bei der Herfahrt (5 — 8), beim Sturm, kurz bei jeder Gelegenheit. Deshalb nehme ich an,
LVI EINLEITUNG.
dasfi diese vier Verse auch im englischen Orif:;inal standen, und dass unser Anonymus sie nur ausliess, weil er nicht das englische Original, sondern eben den Esope der Marie de France und zwar eine Hs., die a nahe stand, vor Augen hatte.
In diesen Zusammenhang gehören noch folgende Stellen, die, wenn sie auch weniger sicher sind, doch das Material noch ergänzen können. In F. 77 (LBG 102) sagt der Igel zum Wolf nach {^y\ Geh in das Heiligtum und bitte, dass du von dem, der dich gefangen hat, befreit wirst; wahrscheinlich hast du ein Gelübde gethan, das du nicht erfüllt hast; bevor das ge- schehen ist, kann dich niemand befreien. Die Stelle ist in a in Unordnung geraten, und es scheint nicht unmöglich, dass LBG sich die Stelle nach a mundgerecht gemacht hat (vgl. Varianten und Anmerkung zur Stelle). In F. 100 giebt der Greis dem jungen Manne auf seine Frage, wohin er gehen solle, vier Ratschläge: er solle hinziehen, wo die Menschen ihn lieben, wo sie ihn fürchten, wo sie ihn weder fürchten noch lieben (V. 22 Ya la u pas ne te dut Vem), wo er keinen Menschen sieht. Der dritte Ratschlag fehlt nun in a. Ist es nun nicht sonderbar, dass an der betreffenden Stelle in LBG ein Widersinn entsteht, der ganz wie ein Gebilde unseres Kompilators aussieht: Et si nee haue nee illam inveneris, ait pater, ümc esto in terra ubi nicJiü liabeas agere!
Noch auf einen Punkt muss im Auschluss hieran hinge- wiesen werden. Der Verfasser von LBG verstand offenbar einige Stellen seiner Vorlage nicht und verballhornisierte sie in seiner Weise. Da es nun wohl wahrscheinlich, aber nicht sicher ist, dass er aus England stammt, so könnte man an- nehmen, dass dies nicht notwendig aus Unkenntnis der französischen Sprache, sondern ebenso leicht aus geringerer Vertrautheit mit dem englischen Idiom herrühren könnte. Doch wird das letztere im höchsten Grade unwahrscheinlich, wenn wir sehen, dass es sich gerade um Wörter und Stellen handelt, die im französischen Text nicht ganz durch- sichtig sind. Die Hauptstelle in dieser Hinsicht i) dürfte
0 Die von Mall angezogene Stelle 72, 58 La serpenz les (d. i. die Schafe) a acurees, die LBG mit oves inutiles reddidit wiedergiebt, kann deshalb nicht in Betracht kommen, weil an anderer Stelle (F. 80) dreimal in LBG das Wort excoriare gebraucht wird.
IV. UEBERSETZUNGEN UND BEARBEITUNGEN. LVIl
F. 74 stehen, wo von dem in der Lnft schwebenden Käfer gesagt wird:
Ne li chaleit s'oisels Voist
ne se nuls d'els Vescharnesisty
nient plus qu'ü fei al giipil,
qu<mt les bestes le tieuent vil.
Völlig: sinnlos ruft der Käfer in LBG aus: 'Non curarem modo si nuUns suhjiceretHr michi, dum ego non suhjicerer vtilpi.* In F. 50 beruhigt sieh der Wolf, der trotz der Busse den Hammel fressen will, dass der Salm, den er verzehren darf, ein edleres Tier ist, besser schmeckt und teurer verkauft wird als ein Hammel:
Mieh valt li salmuns a mangier,
e sü puet Viim vendre plus chier.
Diesen Satz »«eheint der Verfasser von LBG ebenso wenig wie der italienische üebersetzer verstanden zu haben, wenn er tibersetzt: Sü igitur iste nohis pro salmone, quo nulla parte vilior est praeter quod jejimare deherem.
Von einzelnen Wörtern und Wendungen mögen noch folgende neben einander gestellt werden:
F. 54 Si a ure que li vileins
eüst tel beCf mult li plaireit, cume li witicos aveit;
LBG: Utinam höheres modo ferreum rostrum ad medullam Jianc extrahendam,
F. 65 Bien est seil
que jeo vail asez mielz de tei, quant tu demeines tel huffei;
LBG: Manifestum erit, cuius vires praevaleanty quando ad certandum progressi fuerimus.
In F. 63 stösst sich das Pferd, das in den Grasgarten will, aber den umgebenden Zaun nicht bemerkt, die Pfähle in den Leib. Das Verbum, das AD bieten, ist s'est esteilez (wohl ftir astelez). LBG verstand diesen Ausdruck nicht und arbeitete deshalb die ganze Fabel dahin um, dass das Pferd die den Acker umgebenden Dornen nicht bemerkt, ^donec viscerum gravia vulnera sensit'.
LVIIl EINLEITUNG.
Nach alledem haben wir anzunehmen, dass LBG in den ent- Bpreehenden Stücken eine Uebersetzung aus dem Französischen der Marie de France ist, und dass diese Uebersetzung im wesent- lichen nach einer Hs. angefertigt wurde, die AD nahe stand. Identisch kann dieselbe nicht mit AD gewesen sein; denn F. 73 haben AD um st. ver, während LBG vermis zeigt, und 26, 9 liest LBG richtig mit ßy (quant pluetlejur): quod, cum pluit et ningit, suh tecto mancre possum nocte et die, während ADM pjluet um- gehen und matt sagen puis tut le jur. Ob daraus etwa der Schluss zu ziehen ist, dass der Kompilator neben AD noch andere Hss. benutzt hat, was bei seiner sonstigen Arbeitsweise nicht undenkbar wäre, muss ich dahin gestellt sein lassen. ^)
Zum Schlüsse müssen noch die Beziehungen, die LBG mit dem Rom. Rob. hat, besprochen werden. Die wichtigste Stelle, die für die Verwandtschaft der beiden Texte zeugt, findet sich F. 79, 25. Die Jungen des Habichts rechtfertigen sich ihrer Mutter gegenüber und sagen, dass nicht sie, sondern die jungen Eulen, die mit ihnen aufgebracht werden, das Nest beschmutzt haben. Der eine Vers dieser Rechtfertigung ist bei Marie fast hoffnungslos verderbt (ich lese: Jcar lur derriere unt eil foire); jedenfalls aber stand in dem französischen Texte nichts, was der Fassung in LBG und im Rom. Rob. entsprochen hätte; Rom. Rob.: Non ex nohis est Jiaec foeditas, sed ex his fratrihus nostris, quorum captita miramur nostris capitihus grossiora, LBG: cum frater noster ille cum magno capite solus hoc fecerit^) An Einzelheiten möge noch folgendes hier eine Stelle haben.3) In F. 13 sagt Marie nicht, wohin sich der Rabe mit dem Käse
1) In F. 74 klagt der Käfer bei Marie:
Saül ne poeient voler, jeün ne poeient aler. So die Masse der Hss., nur C stellt voler und alcr um. LBG stimmt mit C überein und übersetzt: Hoc quoqiie ignominiae nostrae adjiciimt, quod saturati volamus, et cum esuries nos cogit, timc repimus. C hat auch das oben besprochene desor, und ebenso ist es auffallend, dass die Lücke, die C F. 45, 28 hat, sich auch in LBG wiederfindet.
'^) Denselben Ausdruck hat Sheppei in unserer Fabel (51); ebenso Bozon an anderer Stelle, § 53. Vgl. Beriet, 1. c, p. 80.
3) Die von Mall p. 197 erwähnte Stelle 98, 4 kommt, wie auch Herlet, 1. c, p. 24 erwähnt, in Wegfall, da der Weissdorn auch bei Marie V. 24 erwähnt wird.
IV. UEBER8ETZUNQEN UND BEARBEITUNGEN. MX
setzt; im gewöhnlichen Romulns heisst es in arbore, im Rom. Rob. in queren, in LBG in summa quercu.^) In F. 45 soll der Gatte schwören, dass er seine Frau nicht mit ihrem Liebhaber gesehen- hat; nur in beiden Lateinern schwört er auf den Reliquien, Rom. Rob. taetis sanetorum reliquiis, LBG in reli- quiis mihi juraveris. In F. 83 ist nur im Rom. Rob. und in LBG der Balken in der Scheune erwähnt: Rom. Rob. Hyrundo ibidem nidifieans suhter trabem, LBG Hirundo in trabe residcbat Ebenda steht nur in den lateinischen Uebersetzungen , dass die Thüren der Scheune geschlossen wurden, um die Sperlinge zu fangen: Rom. Rob. includens eos in yranario, LBG omnibus iyitur reeeptis elaiiserunt ostia viri. Zu vergleichen ist ferner das Epimythion zu F. 68:
Tels purchace le mal d'altrui, que eil meisnie vient sur lui, si cum li lous fist del gupil, que il voleit metre en eissil;
Rom. Rob. Sic evenit frequenter invidis et iniquis, quod, dum aliis mala fabricant, propriis laqueis innectuntur; LBG* Sic multi in laqueum incidunt, quem proximo suo tetenderunt, et merito qui libenter struit insidias, aliquando non evadit mus- cipulas. Ebenso das Epimythion zu F. 74:
Issi avient des surquidiez: par eis meismes sunt jugiez; c'enpernent que ne poent faire, dune les covient ariere traire.
Rom. Rob. Sic superbi, dum se praesumtuose eliciant, eliduntur. Ambitis quoque frustrati commodis, etiam consuetis privantur; LBG Sic superbia inanes decipit, qui sua non contenti conditione, dum ad altiora contendunt, ad priora redire volentes non inveniunt.
Diese Uebereinstimmungen können nur so erklärt werden, \^ dass der Verfasser von LBG, der seine Sammlung, wie es feststeht, aus mehreren Werken kompilierte, neben seinen andern Quellen eben auch den Rom. Rob. benutzte.
•) Diese Stelle wird auch von Hervieux herangezogen, p.766. vgl. p.LI n.
LX EINLEITUNG.
So intorepsant es auch für die Entwicklunp^sgeschichte der P'abel im Mittelalter sein mag, LBG seine richtige Stelle an- znweisen, so muss hier doch konstatiert werden, dass die lat. Sammlung, selbst wenn sie entstanden wäre, wie Hervieux oder G. Paris es wollen , keinen Einfluss auf die Gestaltung des Textes der Marie ausüben kann. Ihr Verfasser geht tiberall so willkürlich zu Werke, schliesst sieh offenbar so wenig direkt an seine Quelh^ an, dass wir nirgends Gelegenheit haben, den Text nach ihm abweichend von der sonstigen Ueberlieferung zu gestalten.
2. Das Pariser Promptuarium Exemploruni.
Der Esope der Marie de France hat noch zu einer dritten lateinischen Bearbeitung Veranlassung gegeben. In der Hs. der Pariser Nationalbibliothek Nouv. acq. lat. 1718, die aus dem Jahre 1322 stammt und die in der Bibl. de l'Ecole des Chartes 1894, p. 638, beschrieben ist, ist f. 5a — 6c eine aus 33 Stücken') bestehende Fabelsammlung erhalten. Aeusserlich betrachtet sind die einzelnen Fabeln von sehr ungleicher Länge. Während einige und besonders die ersten sieben Stücke w^irklich aus- gearbeitete Fabeln sind, hat sich der Verfasser bei den meisten darauf beschränkt, die Fabel durch einige Sätzchen anzudeuten und daran seine Moral zu knüpfen. In vier Fabeln finden sieh nun in der Moral je ein oder zwei Verse aus Marie de France: 11 de grant folie s'entremet hi cn stihjcctkm se met (=19, 28), 20 hene (so) set li chat hi harhe ü lecJie (= 40, 20), 21 hom et femme licheresse ne garde ne uo ne promesse (=50, 27), in 30 antwortet der Wolf, der die Buchstaben hersagen soll, wie bei Marie Aignel, aignel, und die Fabel schliesst Tel en pensee tel en la buche, (=81,14). Von vornherein könnte man aus diesen Versen schliessen, dass der Verfasser Maries Fabeln vor sich gehabt und für seine Sammlung benutzt hat. Da er aber Ex. 20 den Vers aus Marie nicht bloss zitiert, sondern noch davorsetzt unde habetur in quodam prouerbio, so wäre es wenigstens auch
0 Am Rande sind 32 Exempla gezählt; doch ist Stück 18 bei der Zählung übergangen.
IV. UEBERSETZUNGEN UND BEARBEITUNGEN. T.XI
denkbar, dass er aus einer anderen Quelle schöpfte und jene Verse etwa aus dem Gedächtnis hinzufügte. Eine genauere Prüfung belehrt uns indessen bald eines anderen. Die Pariser Sammlung fliesst aus zwei Quellen; die eine bot dem Verfasser die Fabeln 1 — i, 6, 7 und 38, die übrigen 26 stammen in der That aus Marie. Ein Teil dieser 20 Fabeln (20—27,31,32) gehen für uns in letzter Linie überhaupt auf Marie zurück, und es dürfte von vornherein schwer zu sagen sein, woher der Verfasser diese neun Fabeln anders haben konnte als eben aus Marie. Denn dass an LBG als Quelle nicht zu denken ist, lässt sich leicht zeigen. In Ex. 8 hat LBG aus dem bus seiner agn. Vorlage einen an'es gemacht, während die Pariser Sammlung wie die ganze Komulusüberlieferung und Marie hos (hues) hat; in Ex. 21 heisst es vom sahno in der Pariser Hs. qui carius emitur, was genau dem Verse der Marie e sil puet Tum vendre plus chier entspricht, während LBG einen andern Gedanken zum Ausdruck bringt {qui nullaparte vilior est praeter quod ieiunare deberem); in Ex. 22 ist nur in unserer Sammlung und in Marie davon die Kede, dass der betende Bauer sein Pferd an die Thtir der Kirche bindet; in Ex. 25 fragt der Fuchs den geschundenen Wolf, wer seine ' cirothecas' {Marie guanz) zerfetzt hätte, während in LBG die Stelle ganz anders geformt ist; in Ex. 15 ist bei den sich gegen den Magen empörenden Gliedern wie bei Marie neben pedes und nianus auch das ca2)ut angeführt, während in LBG sich die Glieder gegen venter und caput erheben. Wenn schon diese Stellen es nahe legen, dass die Pariser Sammlung direkt von Marie abhängig ist, so wird diese Vermutung zur Gewiss- heit, wenn wir sehen, dass der Verfasser trotz der Kürze, der er sich befleissigte, einzelne Fehler mit hinübernahm und dass er anderseits eine Reihe von Stellen wörtlich übersetzte. Zu den Fehlern rechne ich zuerst, dass er bei Ex. 13 und 14 die Moral ausliess, — weil er bei Marie keine vorfand; denn das Sic accidit multis kann doch nicht als Moral gelten. In Ex. 30, wo der Wolf das Lesen lernt, buchstabiert ihm der Priester A E vor. Das E ist wohl nur so zu erklären, dass in der Hs., die dem Uebersetzer vorlag , statt des h ein e (= und) stand (so die Hs. S). Von den Stellen, die Maries Verse noch durchscheinen lassen, erwähne ich Ex. 18 Sic est de curia magnatum »= de curt de rei est ensement; Ex. 24 Sic est de illo quem conscientia
LXII EINLEITUNG.
rcdarguit\ credit enim quod omnes eam cognoscant = sa con- scienee le reprent, que tuit conuissent sun talcnt; ferner Ex. 32 Sic est de paupere nequam et saturato, quia contra meliorem se superhit. Sed cum dicitur ei hene ueritas sui Status, silet et non tarn cito alias stulte loquitur = Issi va del natre felun, \ quant il a hien en abandun \ vers les meillurs trop se nohleic. \ . . . Mais se nuls est M hien li die \ la verite de sun afaire \ en pleinc curt, le fereit taire.
Gegen die Benutzung des Esope der Marie spricht, so weit ich sehe, nur ein Umstand. In Ex. 17 giebt in der Pariser Hs. wie in der Romulustradition zuerst der Schmeichler, dann der Wahrheitsliebende den Affen sein Urteil ab, während es bei Marie allein umgekehrt ist. Doch ist nicht zu ttbersehen, dass auch bei Marie erst der Wahrheitsliebende seinen Lohn nach der Aussage des Schmeichlers erhält. Jedenfalls ist dieser eine Punkt nicht danach angethan, unser Urteil über das Ver- hältnis zwischen der Pariser Sammlung und Maries Esope zu beeinflussen.
Wir können auch hier annähernd die Hs. bestimmen, die benutzt wurde. Die Reihenfolge in der Pariser Sammlung ent- spricht ganz genau der Hs. C, nur dass Ex. 27 (= M. 61) um zw.ei Stellen verrückt ist. In Ex. 14 (M. 26, 87) liest C allein mieU ueil estre povre a delivre st. lous a delivre, was unsere Sammlung beibehält: magis vult esse pauper et liher; in Ex. 20 (= M. 40, 8) fragt der Wolf (oder besser das Schaf) die Krähe, warum sie sich nicht auch auf Fuchs und Hund setze, so noch in C (KOF), während in den andern Hss. vom Fuchs nicht die Rede ist; wenn endlich Ex. 27 (= M. 61, 27) der Fuchs beim Heran- kommen der Reiter in spinas geht, so führt dieser Ausdruck wohl nicht auf das grave, das Marie schrieb, sondern vielmehr auf das hroce in C zurück. Es hat nicht viel auf sich, wenn Ex. 15 (= M. 27, 1) die Glieder eines rusticus sich gegen den Magen empören und C, wie die Masse der Hss., von einem liume spricht, während RV die Fabel von einem vHain erzählen.
Uebrigens ist die Pariser Hs. nicht ein Original, sondern eine Abschrift, da in Ex. 29 von einer cornicula st. von einem caniculus (M. dienet) die Rede ist.
Der Verfasser der Sammlung ist in den Reihen der Kleriker zu suchen, wie schon aus der pastoralen Moral zu Ex. 2, 5, 6, 26
IV. UEBERSETZUNGEN UND BEAKBEITUNGEN. LXIII
hervorgeht, und er wird wohl zu den fratres hont pauperes qui portant honus religionis gehört haben, die er Ex. 3 gegen prelati aliqui in Schutz nimmt. Seine Sammlung hatte, wie schon der Titel {Quedam notahilia super fahulas animalium) zu besagen scheint, den Zweck, für Predigtstoflf suchende Geistliehe eine bescheidene Fundgrube von Exenipla zu sein. An eine solche Fundgrube werden wir denn auch keine grossen Ansprüche stilistischer Art stellen dUrfen. Die eigenen Gedanken, die der Verfasser hier und da, wie bei der Teilung des Lammes (Ex. 30) und in den Epimythien zu Ex. 27 und 28 vorträgt, sind trivial oder schief. Schief und wenig zum Text der Fabel passend mag auch die Moral zu Ex. 19 sein, die aber doch einen erfreulichen Einblick in die Gefühlswelt unseres Anonymus gestattet: Sic purum noceret magnis subvenire pauperihus in suis nccessifatihus.
Der litterargeschichtliche Wert der Sammlung liegt be- sonders in jenen Fabeln, die nicht aus Marie stammen, und deshalb mag die ganze kurze Sammlung hier abgedruckt werden.')
(/. 4d) Incipiunt quedam notabilia super fabulas animalium.
Exeniplum 1. Quedam statua, hominis habens ymaginem, stabat in campo vno cum arcu extento ad destruendum uolucres. Volucres vero magni et parvi uidentes iilam ymaginem statim confugiebant et non erant ausi in illo campo pascua sua querere. Tunc passer animosus (/'. 5 a) hanc uidens appropinquauit ei, et illa ymago non mouit se; et propius usque ad pedes eins uenit, et non moüit se; et ascendit super caput eins, et non mouit; et uolauit super arcum et sagittam suam, et nichil ei fecit. Deinde uolauit super nasum suum et merdauit*) inde os eins, et alii uolucres similiter fecerunt. — Sic faciunt subditi prelatis suis negligentibus.
Ex. 2. Leo uadens per iter deuium inueniens asinum antiquum et capillatum et totum dorsum habentem confractum. Cui dixit leo: 'Quäle est nomen tuum?' Kespondit asinus: 'Ego uocor asinus, seruus tuus.' Cui leo: *Quis hoc tibi fecit, quod uideo?' Kespondit asinus: 'Dominus mens, homo, cui multa bona feci.' Cui leo: 'Mala bestia est homo.' Ille leo**) posteainde procedens obuiauit equo, qui ita macillentus erat, quod
') Die moderne Abschrift am Schluss der Hs. ist von Fehlern nicht frei.
*) Aus mudauit korrigiert, am Rande steht merdauit.
^♦) Die kursiv gedruckten lat. Wörter sind in der Hs. übergeschrieben.
LXIV EmLEITüNG.
uix Stare poterat; et erant latera eins calcaribus confracta, rausce comedebant dorsum eins. Cui leo : 'Quod tibi nomen est?' liespondit ec^uus: 'Uocor [equus] seruus tuus fortissimus.' Et leo: 'Quis hoc tibi fecit'?' Respondit equus: 'Homo.' Cui leo: 'Homo est mala bestia.' Et ait leo, quod quereret hominem, donec inueniret. Et dum quoddam ibi nemus homo ciudebat et findebat ligna, cui dixit leo: 'Quod tibi nomen estV Cui respondit homo ille: 'Mulier vocor.' Et dixit leo: 'Et ubi est illa bestia, que uocatur homo?' Cui ille respondit: 'Si iuuares me istud lignum Andere, ego illum docebo te.' Et accedens leo cepit illum iuuare et ponens pattam suam in fixura et homo ex altera et extraxit fortiter. Interim homo extrait cuneum et lignum reuertitur ad se ipsum et sie retinuit leonem. Tunc homo clamauit ad mulierem ut deferret aquam calidam, et proiecit aquam buUientem et totum Caput eins et dorsum combussit. Qui dimissis in ligno unguibus et pelle uix fugere potuit. Et clamans uoce magna multos leones con- gregauit ibi. Quos uidens homo in arborem ascendit, et leones uolebant ascendere post ipsum. Et ille multum timuit. Tunc ille clamare cepit aquam calidam, et sie ille euasit. — Aqua calida lacrime sunt.
Ex. 3. Leo mandauit omnibus bestiis ut uenirent ad penitentiam. Volebat enim scire et audire excessus earum. Et primo vulpes dixit confessionem suam, eo quod ipse comederet multos capones et multas anceres et gallinas. Et dixit ei leo: 'Deus parcat tibi. Bene scio quod pater tuus talis fuit complexionis, quod libenter comedebat tales uolucres. Va (/". bb) de et dicas: 'Miserere mei, deus.' Postea uenit lupus, et dixit ei culpam suam de hoc quod straugulauerat multas uaccas et multos boues et multos equos. Et dixit ei leo: 'Et tu vere animosus es; de leui non posses te corrigere. Pater enim tuus fuit talis. Vade et dicas: 'De profundis.' Et sie dixerunt culpam suam singule bestie. Ultimo uenit asinus qui genua flectens ante leonem (ceperunt omnes alie bestie ridere), et aperiens os suum, dixit suam culpam de hoc quod una die, dum esset famelicus et haberet magnam sarcinam super humeros suos, transibat per ortum unum, et inuenit saluiam et comedit tria folia. Hoc audiens leo grauiter cepit illum increpare, dicens: 'Vulpes et lupus comederunt multas cames et diversas, et nunquam talia cum camibus comedebant.' Et sie grauiter eum puniuit. — Sic prelati aliqui magis puniunt fratres bonos pauperes, qui portant honus religionis, quam carnales Iruphatores.
Ex. 4. Quedam mus dum haberet paruos mures, quadam die dixit, ut exirent de nido suo et quererent sua pascua. Et exiens unus eorum uidit in medio {so) domo gallum habentem in tibiis suis aculeos et in capite quasi galeam, et statim fugit; nam putabat, quod esset miles armatus. Cui dixit mater sua: 'Illum militem noli timere, quod numquam male faciet tibi.' Postea iterum exiit, ut quereret pascua et uidit in uno loco iuxta ignem cattum ita humiliter iacentem , quasi esset sanctus homo , et reuerteus mus dixit matri sue, quod iacebat iuxta ignem sanctus hermita. Cui dixit sua mater: 'Ha, noli de cetero te ipsum illi credere, quod ille comedit
IV. tTEBERRETZlTNGEN UND BEARBEITUNGEN. l.XV
patrem tuarn et antecessores tnos.' — Cattus ita humilis sunt ypocrite falsi et bonis insidiantes; per gallum intelliguntur homiues communes, qiü uideotur mali et tarnen uulli uocent.
Ex. 5 (Marie XXIII). Volncres et bestie quadam die exienint, ut ad inuicem pugnarcnt. Interfnit ibi uespertilio, qui habet pedes in aus. Quando bestie uincebant uolncres, tune uespertilio fingebat se bestiam et gradiebatur cum illis, et quando uolucres uincebant, tuuc fingebat se tiobicrem. Uolucres uero percipiebant fraudem suam et dupplicitatem , et depillauerunt eam et preceperunt ei, ne de cetero de die uolaret, sed de noete. — Sic sunt {f. 5c) inter gentes quidam homines ita dupplices, quod aliquando stant cum istis aliquando cum illis, et tales mültum deo displicent.
Ex. 6. Quidam horao caltius nutriebat arietem de pane suo et aqua, et ipsum totaliter instruerat (so), quod, quando aliquis homo inclinabat Caput suum, ad ipsum aries currebat cornibus erectis, ut rustaret cum eo. Quadam die accidit, quod dominus suus sederet ad ignem, et dum liic sedens dormitaret et caput suum caluum dormitando inclinaret, aries uidens ipsum putauit quod ipsum ad ludum reuocaret, et currens percussit caput eius et confregit cerebrum et proiecit in ignem, et sie mortuus est. — Aries cuiuslibet hominis est caro suus. Qui dum rationem suam dormitare cemit et ei inclinare, statim eam aggreditur; occidit aut per consensum aut per factum.
Ex. 7. Quidam miles habens mulierem pulcram iratus contra eam peregre profectus est. Et dum domum (so) exiret, mulierem suam dyabolo commendauit, qui fideliter eam custodiens et penitus prohibens, ue adulterium faceret. Reverso domino suo dyabolus restituit ei mulierem suam, dicens, quod libencius custodiret quinque cateruas equarum indomitarum quam solam mulierem, et dixit ei causam quare, et iterum dixit ei, quod non erat demon in inferno peior maliere, que ardet in se ut infernus.
Ex. 8 (Mar. XIV). De leone inpotente, quem omnes bestie uenerunt uisitare, alie ad condolendum et alle ad decipiendum. Quem bos grauiter corou percussit, asinus pedibus in pectore fortiter uerberauit, volpes dentibus suis crura lacerauit. Et tum illi magis erant priuati ei, dum esset sanns. — Sic est de quolibet homine inpotente.
Ex. 9 (Mar. XV). De cane paruo ludente cum domino suo, quem uidens asinus uolens etiam ludere cum domino suo, cum non decet illi. Sic multi sibi arripiunt, quod eis non decet.
Ex. 10 (Mar. XVI). De leone donniente in nemore, quem mus excitauit et leo pröpter hoc non occidit. Etiam quadam die idem leo cecidit in antro, et mus cum arte sua liberauit. — Sic multi parui possunt prodesse magnis in multis.
BibUotheca Normannioa VI. a
TiXVI EINLEITUNG.
Ex. 11 (Mar. XIX). Columbe noii habentes regem fecerunt inter se regem de aneipitre, qui in aperto eas deuorabat. — Vnde de stulticia arguuntur, que prius eraut libere. Unde dicitur: de grant folie sentremet qui en subjectiun se met.
Ex. 12 (Mar. XX). De latrone uolcnte furari oues cuiusdam hominis. Qui cum uellct cani porrigere panem, dixit ei canis: 'Tu uis mihi obtu- (f. bd) rare os, ne te accusem, sed non accipiam, quod sceleris arguerer, cum debcam custodire oues domini mei.' — Sic faciunt fraudülenti : obturant euim ora iustorum, ne loquantur.
Ex. 13 {Mar. XXIV). De ceruo, qui gloriabatur in suis comibus, que uidebat in aqua, quibus irretitus est in nemore, dum fugaretur. Et sie male accidit ex hoc, unde magis gloriabatur. — Sic accidit multis.
Ex. 14 (Mar. XXVI). De lupo et cane, cuius dum miratur pulcri- tudinem et pingretudinem (so) uoluit secum ire. Et cum uideret asperam cathenam in collo eins, sciens quare esset ei imposita, reuersus est in nemus, dicens, quod magis uult esse pauper et liber quam in domo regis esse diues et piuguis ligatus in cathenis.
Ex. 15 (Mar. XXVII). De rustico, qui fuit indignatus ventri suo, cum uideret manus suas tam pulcras et pedes et caput, et indigne tulit, eo quod seruirent uentri suo, et instruxit (so) ei cibum suum et tum eum dimisit ieiunare, quod totaliter fuit adnichilatus. Et taudem uolens ei dare comedere, non potuit, et sie rusticus ille defecit. — Sic stultus est ille, qui dominum suum contempnit.
Ex. 16 (Mar. XXVIII). De symia, que obuiauit uulpi, petiuit ab eo, quod ei daret superfluum caude sue. Qui noluit, sed ei crudeliter respondit.
— Sic auari, quod eis nocuum est, nolunt pauperibus erogare.
Ex. 17 (Mar. XXXIV). De symia autrita in domo regis, que uidens tantum honorem exhibere regi uenit in nemus et congregauit infinitas symias et fecit se in regem leuari. Et dum duo homines per nemus transirent, quorum unus ueridicus et alius adulator, dixit symia adulatori, si ipsa bene uideretur esse rex. Respondit quod bene, et ualde fuit honoratus a symis. Et ueridico homini eadem interrogauit. Qui respondit quod esset turpissima bestia, et statim ipsum symie turpiter lacerauerunt.
— Sic est inter homines: qui uera locuntur, dampnantur; qui uero adulantur, bene semper Ulis est.
Ex. 18 (Mar. XXXVI). De leone fingente infirmitatem et comedente omnia animalia, que eum neniebant uisitare. Quod uidens uulpes noluit intrare, quia nulluni unum uidebat reuerti. — Sic est de curia magnatum.
Ex. 19 (Mar. XXXVIII). De pulice qui ascendit super dorsum cameli et abscondit se in pilo suo, quem camelus deportauit in omnem regionem
IV. UEBERSETZUNGEN UND BEARBEITUNGEN. LXVII
sine sui lesione. Et cum nenissent ultra mare, pulex cepit ipsum regratiari de suo beneficio. Qui respoudit, (/*. 6«) quod nou perceperat ex eo aliquod gniuamen, — Sic paruui noceret magnis subuenire pauperibus in suis uecessi- tatibus.
Kj\ 20 {Mar. XL). De cornica sedente super ouem et comedente. Cui dixit lupus: 'Quare sedes super ouiculam? Cur nou sedes super uulpeui aut super caiieuiV Cui cornica resi)oudit, qnod bene sciebat, ubi sedebat — Uude habetur iu quudam prouerbio 'bene sct li chat ki barbe il leche:
Ex. 21 {Mar. L). De lupo uouente, quod non comederet carnes per totum XL. Qui dum iret per siluam, uidit vnum pinguem arietem solum. Qui dixit iu corde suo, quod uotuni auiplius non seruaret, sed comederet mutonem loco salmouis, qui carius emitur. — Sic est de lecatore et lecatrice muliere. Unde hotn et femme Hoher esse ne gar de ne uo ne promesse.
Ex. 22 {Mar. LIV). De rustico qui ligauit equum suum ad hostium templi et cepit rogare deum, ut daret ei equum unum tarn bonum, ut equus suus erat. Et dum sie oraret, furatus est equus suns. Qui multum Iristis fiens cepit orare, ut deus redderet ei equum suum, et sufficeret ei. — Per hoc notatur, quod stultus est, qui hoc a domino petit quod multum non iudiget.
Ex. 23 {Mar. LVIII). De uulpe uidente lunam in stagno, quam reputans caseum cogitauit, si totam aquam biberet, posset habere illum. Et inde tantum bibit, quod crepuit medius. — Sic cupidi et auari multa estimant ultra quam possuut.
Ex. '2A {Mar. LIX). De lupo niirante quod coruus sederet supra ouem. Cui dixit coruus, quod similia faceret. Cui lupus respondit, quod si faceret, omnes contra cum clamarent. — Sic est de illo, quem conscientia redargnit; credit enim, quod omnes eam cognoscant.
Ex. 25 {Mar. LXVIII). De leone infirmo, pro quo fuit uulpes mandata quasi pro meliori phisico. Qui stetit fraudulenter retro domum et audiuit, quomodo a lupo accusaretur. Lupum quem postea excoriari fecit uiuum. Et cum ei sie expoliato obuiaret, cepit interrogare, quis sie cirothecas suas laniauerat. — Sic est, quod nullus debet dare de altero malum con- silium, quod debeat super euni renerti.
Ex. 26 {Mar. LXXIV). De scrabone morante et saturato in fimo. Cum quadem die uideret aquilam uolare super eum, dixit, quod tam bene uolaret sicut aquila. Et dum uolaret sursum, uentus et pluuia ceperunt eum urgere. Et hoc dum non posset pati, reversus est ad fimum suum. — Sic {f. 6b) est de carnalibus, qui aliquando respiciunt opera uirorum spiritualium : et uolunt aliquando bona facere et statim deficiunt et sie ad fimum camalitatis reuertuntur.
LXVin EINLEITUNG.
Ex. 27 {Mar. JjXI). De uulpe, qui uidit colnmbam super cnicera templi. Quam rogauit dulciter, quod secure descenderet, (juia pacem cum Omnibus bestiis fecerat. Que uolebat descendere. Et cum loquerentar ad imiicem, columba ei dixit; 'Ecce, uideo duos canes et uenatorem clamantem post ipsos.' Et ait uulpes: 'Sunt prope?' Et statim fugit inter spinas. Cui columba ait: 'Modo tu menciebaris mihi.' Cui respondit uulpes: 'Non, sed isti non fuerunt ad pacem faciendam.' Et sie sc falsa excusabat. — Sic est de uiris mendacibus et inicinis, (jui simplicibus nuni- quam locuntur ueritatem, sed semper eis malum occultant sub uerbis dulcibus.
Ex. 28 {Mar. X). De aquila, que rapuit fetum uulpis, quem uulpes rehabuit per artem suam, quia uoluit comburere arborem, in qua aquila fecerat nidum suum. — Et sie patet, quod ingeuium ualet alterins uiribus.
Ex. 29 {Mar. VIII). De cornicula que amisit domum suam per aliam corniculam, quam fuerat hospitata. — Sic est de ingratis, qui aliquando cicius eis nocent, qui eis bene faciuut.
Ex.iiO (Mar. IV). De cane, qui citare fecit ovem pro pane. Cui cum lesponderet öuis, quod nichil ei debebat, dixit canis ei, quod duos optimos testes haberet, scilicet lupum et miluum, et sie condempnauernnt ouem iuiuste. Iudex uero habuit pellem, canis et lupus habuerunt carnem, miluus intestina. — Sic faciunt mali balliui de pauperibus hominibus.
Ex.^l {Mar. LXXXl). De presbitero, qui uolebat addiscere lupo litteras equo modo. Cum sacerdos diceret A, E, lupus dicebat post eum sie. Et cum dicebat ei sacerdos ut simul lungeret, respondit lupus: ^Aingnel, aingneV Et dist li prestre : tel en pensee, tel en la bouche.
Ex. 32 {Mar. LXXXV). De musca dicente se meliorem ape, quia super regem sedebat et quia mel apis comedebat. 'Tace', dielt apis, 'quia, ubicunque es, semper tediosa es.' — Sic est de paupere nequam et saturato, quia contra meliorem se superbit. Sed cum dicitur ei bene ueritas sui status, silet, et non tam cito alias stulte loquitur.
Ex. 33. De passere qui commendauit uulpi oua sua, dum ire uellet in longa peregrinatione. Qui cum promitteret ei, quod bene custodiret, comedit. De quo passer, cum reuersus fuisset, bene se uindicauit per unum canem. — Unde exiuit prouerbium, quod nee alio (so) nee (f. 6 c) priuato te multum credas, quia in paucis reperitur fides.
3. Die Mischle Schualim des Berachjah ha Nakdan.
Die Fuchsfabeln des Berachjah ha Nakdan enthalten, wie längst bekannt ist, mannigfache Berührungspunkte mit Maries Fabelwerk. Ueber das Verhältnis, das zwischen beiden
IV. UEBERSETZUNGEN UND BEARBEITUNGEN. LXIX
Sammlungen besteht, sind verschiedene Ansichten laut geworden. Während K. L. Roth (Die Aesopische Fabel in Asien, Philo- logus VIII, p. 130) und besonders Steinschneider wiederholt (Letterbode VIII, 1882—1883; Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters 1893, § 275 und § 573) die Ansicht vertreten, dass der Hebräer von Marie abhängig ist, weist Jacobs in seiner Einleitung zu Caxton dem Rabbi die Rolle eines Vermittlers zwischen der arabischen und europäischen Litteratur zu, indem er annimmt, dass er einerseits jenen Alfred, den der englische Gelehrte seines mysteriösen Charakters zu entkleiden glaubt, auf Fabelstoffe des Orients hinwies und ihm dieselben ver- dolmetschte, anderseits aber selbständig jene selben Stoffe und weitere andere, die aus denselben orientalischen Quellen flössen, bearbeitete und in seinen Mischle Schualim vereinigte.
Unter den 107 Fabeln der hebräischen Sammlung — ich citiere nach Parabolae Vulpium Rabbi Barachiae Nikdani, ed. Melchior Hanel, Prag 1661 — finden sich 13, für die eine ältere Quelle als Marie, bezw. Berachjah, noch nicht aufgefunden ist. Es sind dies die Nummern 41 (Ber. 19, p. 73), 42 (Ber. 81, p. 207), 47 (Ber. 84, p. 309), 48 (Ber. 83, p. 305), 50 (Ber. 36, p. 133), 52 (Ber. 77, p. 279), 65 (Ber. 26, p. 105), 68 (Ber. 85, p. 315), 70 (Ber. 105, p. 379), 73 (Ber. 28, p. 111), 80 (Ber. 45, p. 163), 98 (Ber. 94, p. 347), 102 (Ber. 86, p. 319). Von diesen stimmen 41 (Ritter und Knechte), 42 (Arzt und Reicher), 47 (Pferd verkauft), 52 (Drachenei), 68 (Wolfsfell), 73 (Maus freit), 102 (Henne kratzt Erde) im Gang der Handlung vollständig mit Marie tiberein. Die Form anderseits ist in beiden Sammlungen ganz verschieden, indem der hebräische in gereimter Prosa schreibende Erzähler stets breit und weitschweifig, Marie da- gegen tiberall kurz und knapp ist. In den tibrigen sechs ist der Kern der Handlung allerdings auch der gleiche, die Ein- kleidung der Handlung ist indess mehr oder weniger ver- schieden. In F. 48 (Dieb traut) geht eine lange Einleitung voran, in der der Dieb sein Leben beklagt, dann aber von der Zauberin getröstet und zu weiteren bösen Thaten ermutigt wird. In F. 50 verspricht der gefrässige Wolf zwei Jahre lang kein Fleisch zu fressen; als er dann das Schaf sieht, versteht er es, durch Auf- und Zumachen der Augen die Zahl der Tage herzustellen und so seinen Schwur zu halten. F. 65 (Wolf
LXX EINLEITUNG.
und Käfer) handelt vom Esel und von der Biene, die jenem ins Ohr fliegt. In F. 70 (Hirschherz) lässt der Löwe einen ungehorsamen Eber töten, wobei der Fuchs das Herz frisst (vielleicht orientalischer Einfluss). In F. 80 (Adler, Habicht, Kranich, Möve) ist die Rolle des Kranichs dem Wiedehopfe zugelegt, der an und für sich einen üblen Geinich verbreitet, wodurch dann die Einleitung der Fabel in Wegfall kommt. In F. 98 endlich raubt die Katze ein Stück Fleisch und ver- zehrt es auf einem Baume allein; der Fuchs belagert den Baum und wird dann von den Hunden arg mitgenommen.
Ausser den genannten 13 Fabeln finden sich in den Fuchs- fabeln noch 37 andere, die sich zugleich im Romulus und bei Marie finden. Es sind dies die Nummern 1 (Ber. 4, p. 17), 2 (Ber. 3, p. 15), 3 (Ber. 2, p. 7), 4 (Ber. 7, p. 27), 5 (Ber. 5, p. 21), 7 (Ber. 8, p. 33), 8 (Ber. 9, p. 37), 9 (Ber. 10, p. 41), 10 (Ber. 11, p. 47), 11 (Bez. 12, p. 51), 12 (Ber. 20, p. 75), 13 (Ber. 13, p. 55), 14 (Ber. 1, p. 5), 15 (Ber. 14, p. 57), 16 (Ber. 15, p. 59), 17 (Ber. 16, p. 65), 18 (Ber. 24, p. 95), 19 (Ber. 44, p. 161), 20 (Ber. 43, p. 157), 21 (Ber. 40, p. 149), 22 (Ber. 98, p. 143), 23 (Ber. 37, p. 137), 24 (Ber. 74, p. 269), 25 (Ber. 80, p. 293), 28 (Ber. 79, p. 291), 30 (Ber. 75, p. 273), 32 (Ber. 82, p. 303), 34 (Ber. 78, p. 285), 35 (Ber. 65, p. 227), 36 (Ber. 23, p. 89), 38 (Ber. 73, p. 267), 39 (Ber. 17, p. 69), 40 (Ber. 18, p. 73), 47 (Ber. 42, p. 155), 67 (Ber. 29, p. 117), 72 (Ber. 22, p. 85), 89 (Ber. 21, p. 81). Auch diese Fabeln schliessen sich in vielen einzelnen Zügen an Marie und nicht an Romulus an. In F. 3 (Maus und Frosch) bindet der Frosch den Faden an den Fuss der Maus wie an seinen eigenen, während in allen Lateinern er denselben der Maus um den Hals legt; in derselben Fabel wird nur bei Marie und Beraehjah die Maus gerettet. In F. 4 (Hund und Schaf) stirbt in der Romulustradition das Schaf nicht, nur bei Nil., Marie und Beraehjah geht es vor Kälte unter und wird dann verzehrt. In F. 5 (Hund und Schatten) wird nur von Marie und Beraehjah erzählt, dass der Hund einen Käse (sonst ein Stück Fleisch) im Munde hält, und dass er von einer Brücke aus den andern Hund im Wasser sieht. In F. 7 (Wolf und Kranich) findet nur in unsern beiden Versionen eine Beratung der Tiere darüber statt, wer den Wolf retten könne. In F. 8 bittet im Romulus die eine Hündin die andere dreimal, ihr
IV. ÜBBER8ETZÜNGEN UND BEARBEITUNGEN. LXXI
Haus ZU verlassen, bei Beraehjah und Marie nur zweimal; dageg:en wird von diesen beiden allein die Winterszeit als Entseliukli^ung angegeben. Die ausgesponnene Einleitung zu F. 9 (Stadt- und Feldmaus) findet sich nur bei Beraehjah und Marie. Ebenso ist V. 14 (Kranker Urne) nur bei diesen beiden das Schaf in der Zahl der Tiere, die den kranken Löwen beleidigen. F. 15 (Schmeichelnder Esel) ist in der Romulus- tradition sofort die Rede vom Esel, bei Marie und Beraehjah ist erst das Verhältnis des Hündchens zum Herrn geschildert. Die Beratung der Schwalben mit ihrer Sippe F. 17 (Hanfsamen) ist nicht in Komulus. In F. 20 (Dieb und Hund) droht der Hund bei Romulus, bellt bei Marie und Beraehjah. In F. 24 fehlt bei beiden der wichtige Umstand, dass der Hirsch mit seinen dünnen Beinen unzufrieden ist, wodurch auch die Moral nicht passt. In F. 25 (Witwe von Ephesus) hat der milcs im Romulus den Galgen zu bewachen und lässt sich den Leichnam stehlen, nur bei Marie und Beraehjah nimmt er die Leiche selbst ab. F. 32 (Lamm, Ziege, Mutter) hat bei beiden eine eigene Fassung. In F. 34 (Affenkönig) haben nur unsere beiden Fabulisten die Einleitung, dass der Affe an einem Königshofe höfische Sitte lernt; in derselben Fabel schmeichelt sonst überall in der Affenversammlung zuerst der lügnerische Wanderer den Affen, dann erst spricht der wahrheitsliebende seine Meinung aus. In F. 40 (Krähe auf Bock) wird nur bei Marie und Beraehjah die Krähe vom Rock aufgefordert, auf den Hund zu fliegen.
Dies sind die Uebereinstimmungen und Berührungspunkte, die zwischen Marie und Beraehjah bestehen. In welchem Verhältnisse stehen nun beide zu einander?
Zunächst scheint es sicher, dass Alfred -Marie nicht direkt auf Beraehjah fussen kann. Schon die ganze Fassung des hebräischen Textes verbietet eine solche Annahme; der un- bekannte Alfred hätte in der That ein grosser Künstler sein müssen, wenn er aus dem Wust der moralisierenden Reflexionen der Fuchsfabeln seine stets klaren und bündigen Fabeln hätte herausarbeiten können. Aber auch eine weniger direkte Be- einflussung, wie sie Jacobs annimmt, scheint ausgeschlossen. Wie können wir glauben, dass Beraehjah seinem litterarischen Partner, 'Alfred dem Engländer*, einen Schwank in ganz
LXXII P:IN LEITUNG.
plausibler Form mitteilte, während er denselben Schwank unter eigener Firma ganz pointelos in das lesende Publikum })rachte? Denn wenn die Fabel 47 (Pferd verkauft) einen Sinn haben soll, so darf der Einäugige das auf 20 Solidi gewUrderte Pferd nicht auf ein Viertel — 5 Solidi — scliätzen, wie er es bei Berachjah thut, sondern auf die Hälfte — 10 Solidi — , wie bei Marie und offenbar in ihrer Vorlage. Doch wozu sollen wir uns lange bei Jacobs' Vermutungen, die schon auf den ersten Blick gekünstelt erscheinen, aufhalten, wenn wir für das Gegen- teil einen sichern Beweis haben? F. 41 handelt bei Marie von einem reichen Manne und zwei 'Serfs\ In einer ganzen Reihe von Hss., wie schon in D, sind aus den Serfs nun Cerfs ge- worden. Dadurch aber wird die ganze Fabel widersinnig: wie in aller Welt können zwei Hirsche abseits stehen und sich ihre Geheimnisse anvertrauen? In den Fuchsfabeln nun ist die entsprechende Fabel 19 (p. 73) betitelt 'Gleichnis von zwei Gazellen', d. h. der Verfasser arbeitete nach einer Sammlung, die Cerfs st. Serfs hatte. Ferner spricht auch die Reihenfolge in Berachjah für Abhängigkeit von Maries Esope. Im all- gemeinen freilich sind die Fabeln Berachjahs, wenigstens in der Hs., die Hanel vorlag, in einer Folge erhalten, die ganz von der Maries abweicht. Nun will aber doch der Zufall, dass der F. 41 — es ist die erste, die 'König Alfred' anfügte
— ein und dieselbe Fabel — es ist die letzte des Rom. Nil.
— vorangeht. Da Alfred -Marie den Rom. Nil. in gerader Reihenfolge übersetzt, während Berachjahs Anordnung ganz bunt ist, so kann der hebräische Fabulist die Reihenfolge 40, 41 nur aus Marie haben.
Wir können vielleicht im ungefähren wenigstens noch be- stimmen, wie die Hs. aussah, die Berachjah vorlag. In F. 25 (Witwe von Ephesus) weicht die Gruppe a von allen Hss. darin ab, dass die Verse 7, 8 nach V. 6 und nicht nach V. 12 gestellt sind. Wir haben oben gesehen, dass diese Folge die logisch richtige und somit ursprüngliche war. Diese selbe richtige Folge wird nun auch von Berachjah innegehalten. Ebenso rühmt sich F. 98 in a und Berachjah der Fuchs, dass er hundert Listen ausser denen in seinem Sacke habe, während wohl richtig in den andern Hss. nur von zweien die Rede ist. Nehmen wir noch hinzu, dass das falsche mtir der Gruppe a
IV. UEBERSETZUNGEN UND BEARBEITUNGEN. LXXIII
(F. 73, 47) sich auch bei Berachjah findet, so gehen wir wohl nicht irre, wenn wir annehmen, dass Berachjah seine Be- arbeitung nach einer Hs. angefertigt hat, die der Gruppe a und somit dem Original nahe stand, was bei der Zeit, in der er lebte (nach Steinschneider in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts), nur natürlich erscheint.
Stand in dieser Vorlage noch die Fabel, deren Fragment wir mit 65b (= Rom. 3, 13) bezeichnen? Jedenfalls hat Berachjah dieselbe (Nr. 02, p. 217). Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass der hebräische Fabulist auch sonst den Romulus gekannt und benutzt hat. Zunächst hat er eine Fabel (48, p. 175) aus Romulus (2, 14) genommen, die bei Marie sich nicht findet. Sodann zeigen einzelne Züge in manchen Fabeln, die er mit Marie gemeinsam hat, dass er die Romulustradition wohl kannte und, wo es ihm gut schien, auch benutzte. In der zweiten Hälfte der elften Fabel (Löwenanteil) liegt bei Marie ein Fehler vor: der Löwe geht mit der Ziege und dem Schaf auf die Jagd, zerlegt aber das erlegte Wild anstatt in drei in vier Teile; Berachjah schliesst sich bei Vermeidung des Irrtums, ebenso wie der Verfasser von LBG, an Romulus an, indem er als drittes Tier die Kuh auftreten lässt. Aehnlich mag es sich auch mit F. 4 (Hund und Schaf) verhalten. Im Romulus bringt der Hund drei Zeugen, den Wolf, den Habicht und den Weihen; im Rom. Nil. nur zwei, den Wolf und den Weihen, während in der Fabel selbst zweimal von drei Zeugen die Rede ist; bei Marie und in LBG sind zwei Zeugen {lous und escufles) durchgeführt. Bei Berachjah treten zuerst Wolf und Bär als Zeugen auf; ihnen gesellt sich aber bei Verteilung der Beute noch der Adler zu. In der Fabel von dem Löwen und der Maus (16) zernagen in Romulus und seinen Nachfolgern die Mäuse das Netz, in dem der Löwe gefangen ist. So auch bei Berachjah. Im Rom. Nil. dagegen und bei Marie wird erst der Rat gegeben, dass der Löwe, um sich höher zu stellen und leichter aus der Grube herauszukommen, erst Erde aufwühlen soll {Cognovit terram fodiendam esse et humo replere lacum); dann erst wird das Netz zernagt.
Neben Marie und dem Romulus benutzte Berachjah aus- giebig den Avian. Ich zähle nicht weniger als 27 Stücke, die
LXXIV EINLEITUNG.
in ihren GrundzUj^en auf Avians Sammlung zurückgehen.') Dass er auch Kenntnis von der Tiersage gehabt hat, zeigt F. 99 (Fuchs und Wolf beim Fischwagen).
Woher Berachjah den Stoff zu den übrigen 27 Fabeln seiner Sammlung hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Fest steht, dass manches Stück, wie z. B. die Parabel vom Mann im Brunnen (Ber. 68, p. 239) u. a., aus dem Orient stammen. Die Vermutung, dass Berachjah derartige Stücke oder einzelne derselben aus der lateinischen oder hebräischen Bearbeitung der indischen Fabel, etwa aus Barlaam und Josaphat oder wie die Parabel vom Mann im Brunnen aus dem Directorium humanae vitae entlehnt hat, wie K. L. Roth in seiner genannten, auch von sonstigen Ver- sehen nicht freien Notiz über Berachjah annehmen möchte, bestätigt sich, soweit ich wenigstens sehe, nicht. Dass er sie aber, wie Jacobs nach seiner ganzen Hypothese annehmen muss, direkt aus arabischen Quellen geschöpft hat, erscheint mir um so zweifelhafter, als der gelehrte Steinschneider unserem 'französischen Belletristen' auf Grund seiner anderen Werke die Kenntnis des Arabischen überhaupt abspricht.
4. Die italienische lieber Setzung.
In der Schlussanmerkung zu seinem Aufsatz 'Zur Geschichte der mittelalterlichen Fabellitteratur' machte Mall darauf auf- merksam , dass auch eine italienische Bearbeitung eines Teiles von Maries Fabelwerk vorhanden ist. Es ist dies der 'Isopo delle Favole, traslatato di grammatica in volgare (Bibl. Riccardiana 1088), aus dem 14. Jh., hg. v. Rigoli, Volgarizzamento delle Favole di Esopo, Firenze 1818, teilweise abgedruckt von Ghivizzani, II Volgarizzamento delle Favole di Galfredo, Bologna 1866, II, p. 170 — 233. In engstem Zusammenhang
1) 27 (p. 109) = Av. 16, 30 (p. 119) = Av. 15, 31 (p. 121) = Av. 7, 33(p. 127) = Av. 11, 34 (p. 1 29) = Av. 6, 41 (p. 153) = Av. 13, 47 (p. 171) = Av. 5, 50 (p. 183) = Av. 14, 51 (p. 185) = Av. 18, 53 (p. 191) = Av. 4, 54 (p. 195) = Av. 19, 55 (p. 197) = Av. 20, 56 (p. 199) = Av. 24, 57 (p. 203) = Av. 26, 58 (p. 205) = Av. 29, 60 (p. 211) = Av. 36, 61 (p. 2I5) = Av. 37, 64 (p. 223) = Av. 21, 88 (p. 325) = Av. 26, 89 (p. 329) = Av. 39, 92 (p. 341) = Av. 28, 92 (p. 343) = Av. 17, 95 (p. 353) = Av. 23, 102 (p. 369) = Av. 8, 103 (p. 373) = Av. 12, 104 (p. 375) = Av. 35, 107 (p. 387) = Av. 21.
IV. ÜEBER8ETZÜNGEN UND BEARBEITUNGEN.
LXXV
mit (lieser Sammlunf]^ steht, wie Ghivizzani, der aber die Quelle nicht kennt, mit Recht aus der Reihenfolge sowie aus der Uebereinstimmung vieler Züge und Wendungen schliesst, eine weitere (Codice Palatino, git\ Guadagni), hg. in Favole di Esopo in Volgare, Lucca 1864. Wie beide Texte (R und P) sich zum Esope der Marie und sodann zu einander verhalten, möge im folgenden kurz erörtert werden.
Beide Sammlungen') haben eine ganze Reihe von Fabeln, die sich nicht in Romulus und den abgeleiteten Texten, sondern nur in Marie und in LBG finden, nämlich 41, 42, 44, 45, 46, 48, 55, wozu für das vollständigere R noch 43, 49 — 53 kommen. Aber auch in den andern Fabeln , die auf Romulus zurückgehen, linden sich viele Züge, die nur Marie oder LBG entlehnt sein können. Der Hund (4) bringt ^wei Zeugen, anstatt drei, die gegen das Schaf sprechen. Der Hund (5) geht über eine Brücke und springt dann ins Wasser, um den Käse zu erwischen. In F. 6 fehlt die Einleitung, dass die Diebe Hochzeit halten und dass bei dieser Gelegenheit ein Weiser die Geschichte von der freienden Sonne erzählt. Die Tiere (7) beraten unter einander, wer dem Wolf helfen kann, und schlagen dann den Kranich vor. Die Hündin (8) schützt die Winterszeit vor, um nicht die Hütte mit ihren Jungen zu verlassen. Der Adler (12) fischt {fliegt P) am Meere und findet das Schaltier, das die Krähe dann frisst. Das Hündchen (15) wird zuerst vorgeführt, und
') Die Fabeln in beiden Sammlungen sind:
|
R P |
M |
R |
P |
M |
R |
P |
M |
R P M |
|
1 1 |
1 |
Ifi |
14 |
13 |
31 |
30 |
24 |
44 45 36 |
|
2 2 |
2 |
17 |
15 |
15 |
31b |
31 |
25 |
45 — 37 |
|
3 3 |
4 |
18 |
16 |
16 |
(p.68) |
46 — 38 |
||
|
4 4 |
5 |
19 |
17 |
17 |
32 |
32 |
26 |
47 — 50 |
|
5 5 |
6 |
20 |
18 |
39 |
33 |
33 |
27 |
48 46 48 |
|
« 6 |
14 |
21 |
20 |
41 |
34 |
34 |
28 |
49 — 49 |
|
7 7 |
8 |
22 |
21 |
46 |
35 |
35 |
29 |
50 — 51 |
|
8 19 |
40 |
23 |
22 |
49 |
36 |
37 |
42 |
51 — 52 |
|
9 8 |
9 |
24 |
23 |
55 |
87 |
38 |
44 |
52 — 53 |
|
10 9 |
10 |
25 |
24 |
18 |
38 |
39 |
45 |
53 — 43 |
|
11 1(» |
IIa |
26 |
25 |
19 |
39 |
40 |
30 |
F. 36 in P Della ron- |
|
12 — |
IIb |
27 |
26 |
20 |
40 |
41 |
31 |
dine che tornava in |
|
13 11 |
12 |
28 |
27 |
21 |
41 |
42 |
32 |
casa il Signore (Streit |
|
14 12 |
3 |
29 |
28 |
22 |
42 |
43 |
33 |
zwischen Schwalbe u. |
|
15 13 |
7 |
30 |
29 |
23 |
43 |
44 |
35 |
Hahn) fehlt in R. |
LXXVI EINLEITUNG.
nicht der Esel. Die Schwalbe (17) beruft ihren Stamm, berät sich mit ihm und macht mit dem Menschen Frieden. Der Hund (20) hellt wirklich^ um den Dieb zu vertreiben. Der Löwe (29) überträgt dem Wolfe die Herrschaft, und die Fabel wird somit vom Wolfe erzählt. Der P^sel (35) heyrüsst zuerst den Löwen, worauf dieser sich wundert und der Esel den Vorschlag macht. Der Bock (40) fordert die Krähe auf, auf den Hund zu fliegen.
Nach dem Titel, den R trägt {traslatato di grammatica in Vulgare) könnte man unter Berücksichtigung der angeführten Stellen zu der Meinung kommen, die Italiener hätten aus dem lateinischen LBG tibersetzt. Dem kann aber nicht so sein; denn in einer Anzahl von Punkten stimmen beide mit Maries Fassung überein, während LBG sich an die Romulustradition anschliesst. In F. 1 findet der Hahn una pietra presiosa, bei Marie une gemme, sonst margarita. In F. 3 wird die Maus gerettet, und nur der Frosch vom Adler verschlungen. In F. 8 fordert die eine Hündin die andere nur zweimal, nicht dreimal, auf, ihre Hütte zu verlassen. In F. 24 werden die flinken Beine {tyhiae graciles) nicht erwähnt. Der Liebhaber der Witwe von Ephesus (25) nimmt selbst den Räuber vom Galgen, während er bei allen Lateinern nur zulässt, dass er gestohlen wird. Nur bei Marie und den Italienern warnt der Löwe (29) vor dem Fuchse als Ratgeber des Wolfes. In F. 16 endlich giebt die Maus dem Löwen erst den Ratschlag, die Grube auszufüllen und nagt dann selbst, um ihn zu befreien, das Netz durch, während in LBG nur der erste Ratschlag erteilt wird, in der Romulustradition und anschliessend an sie in P nur das Netz durchnagt wird, und nur bei Nil, Marie und in R sich der Rat und die thatkräftige Hilfe findet.
Auch im weiteren Verlauf, in den Fabeln, die nur bei Marie und in LBG vorhanden sind, halten sich die italienischen Texte an Maries Fassung. So sind F. 48 und 52 nicht in der verkürzten Gestalt, die LBG hat, gegeben, sondern folgen Zug für Zug dem Texte der Marie. Die ausführliche Ein- leitung, die in der in P fehlenden Fabel 48 vorausgeht, fehlt, wie bei Marie, so in R. In F. 53 fragt nur bei Marie und in R der Bauer den Eremiten, warum Adam den Apfel ge- gessen habe.
IV. UEBER8ETZUNGEN UND BEABHEITUNGEN. LXXVn
Nach alledem kann die Vorlage, nach der die Italiener arbeiteten, nicht wohl anf etwas anderes zurückgehen als auf den französischen Text der Marie. Dies wird noch erhärtet durch den Umstand, dass die Uebersetzung oft eine ganz wörtliche ist.
Die Hs., die den italienischen Uebersetzungen zu Grunde lag, war offenbar eine Hs., die Q sehr nahe stand. Dies geht zunächst aus der Reihenfolge der Fabeln hervor. Es folgen in Q, soweit es hier fllr uns nötig ist, die Fabeln folgender- massen auf einander: 1, 2 | 4—6 | 14 | 8 — 12 | 3 | 7 | 13 | 15—17 I 39—41 I 46, 47 | 57, 55 | 18 — 29 | 42—45 | 80—32 | 35 I 33 I 36—38 | 48—53. Die Reihenfolge in den Ueber- setzungen ist im ganzen dieselbe, nur ist 33 vor 35, 43 hinter 53, 50 hinter 38 gestellt; die Stelle hinter 8 nimmt in R 40, in P aber 19 ein.
Das Verwandtschaftsverhältnis, das somit zwischen Q und den italienischen Texten besteht, wird weiter durch die Les- arten bestätigt. 7, 25 Marie buche, Q (ZHS) goule, It. gola; 12,3 Marie icelke, QZ oytre (Q auf Rasur), T escaille, It. scaglia; 14, 14 Marie asnes, Q(TS) aigniaus, It. ü montone; 23,34 Marie sepande, TQ nature, It. natura; 30, 10 Marie falde, Q giron, T houce, It. mantello; in derselben Fabel hat Q ein Epimythion hinzugefügt, das sich mit dem in den italienischen Bearbeitungen deckt; 31, 5 Marie deuesse, Q nature, It. Natura; 46, 38 Marie desur le dos li esmelti, Q puis sest desor son dos asise, It. e saligli addosso (R e calcollo); 55, 10 Marie Deus te maldie, Q destruie, It. Dio ti strugga. Von Stellen, die in dem Codice Palatino fehlen, füge ich noch an: 37, 30 Marie curt, Q tor, It torre; 48,24 nur Q hat: Car d ma mort aprochier voi, It. Or sono dl porto della morte ; 50, 23 Marie Si vet d'ume, Q Si fet li hom, It. Cosi fa Vuomo; endlich 51,9 Marie Porter li ruevfi a sa maisun, \ e si recort ceste raisun: \ chescuns gupiz prise sa cue, \ si s'esmerveille qu'ele est sue, Q nur: Forter li rove a sa maison, \ que ja mes ne len uoie Ion, It. Meglio ti fia lo ne porti a casa sieche non si veggia, che troppo e Iaido e sozzo a vedere.
Die Hs., die den italienischen Uebersetzern vorlag, stand Q nahe, war aber nicht identisch mit ihm. 12, 17 — 18 und 44, 7 — 10 fehlen in Q, finden sich aber bei den Italienern. Der charakteristische Zusatz, den ein Leser der Hs. L aus
LXXVIII EINLEITUNG.
einer andern Hs. zu 20, 84 gemacht hat, findet sich in beiden italienischen IJebersetzungen. Die Frage, die in 11, 11 Q, wie die Masse der Hss., den Wolf thun lässt, ist bei den Italienern wie in MNV dem Löwen in den Mund gelegt. Zufällig ist es wohl, dass in der Hs. H und in der italienischen llebersetzung der L()we den Bauern auffordert mit ihm zu g(;hen, während Marie das Umgekehrte schrieb. Weniger wichtig und leicht zu erklären ist es, wenn der Testo liiccardiano die ironische Weisung, die die Ameise F. 39 der Grille giebt und die Marie nicht aufgenommen hat, enthält (Rom. Si aestate cantasti, hieme salta — Ric. Se cantasti d^estate, halla di verno).
Wenn es somit sicher ist, dass die beiden italienischen Fabelsammlungen auf Marie zurückgehen, so bleibt uns noch die Frage zu beantworten, in welchen Beziehungen beide zu einander standen.
Zunächst kann der Testo Riccardiano nicht aus dem Codice Palatino hervorgegangen sein. Der grössere Umfang der Sammlung und die knappere Fassung beweisen schon a priori, dass R dem Original näher stand als P. So bewahrt denn auch R in einer Reihe von Stellen den Gedanken der Marie, während P davon abweicht. In Fabel 7 (Wolf und Kranich) werden nur in P die beratenden Tiere — Fuchs, Wolf, Esel — eigens aufgeführt; in derselben Fabel schmäht nur in P am Schluss der Kranich den Wolf, der sein Versprechen nicht halten will. In F. 16 (Löwe und Maus) ist, wie schon oben bemerkt, in P nicht der Ratschlag der Maus, sondern nur ihre Hilfe erwähnt. In F. 36 (Fussspuren) geht nur in P der Fuchs doch noch in die Höhle des Löwen. In F. 42 (Arzt und Reicher) schüttet nur in P ein Hund das Blut aus. In F. 46 endlich rückt nur in P der Zaunkönig, bevor er den Kuckuck beschmutzt, bezw. auf ihn springt, demselben näher, um seine Art weiter kennen zu lernen.
Aber auch Ghivizzanis Annahme, dass P aus R floss, kann vor der Kritik nicht bestehen. Ganz wie R, so hat auch P in einer Reihe von Stellen trotz seiner Weitschweifigkeit die Fassung der Marie treuer bewahrt als R. Kein Aequivalent haben in R folgende Stellen, in denen P mit Marie zusammen- geht: 2, 8 tu mi fai grande noia; 4, 9 disse il judicie al cane: Ä'tu testimoni\ 11, 20 il terso compagno\ 13, 33 follemente;
IV. UEBEB8ETZUNGEN UND BEARBEITUNGEN. LXXIX
16, 13 a voi non sarehhe onore; 23, 45 che tutta la chiarezza gli fussa tolta; 25, 39 e poco a iVavere isperanza ne' vivi il morto; 28, 16 li tuoi figliuoli; 39, 18 mese d'agosto; 46, 18 che ein dovesse essere signiere d^uno grande imperio; 46, 50 e sono con poca persona. Dazu sei noch bemerkt, dass in F. 6 in R Lo destinaio selber den Rat giebt, es wäre besser, wenn die Sonne nicht heirate, während in P wie in Marie die 'creatures' dieser Ansicht sind; dass ferner F. 29, 62 Marie nur von einer 'altre beste' spricht, woraus R einen Fuchs, P dagegen einen Hirsch macht, und dass in F. 39 nur in R die Grille vor Hunger stirbt. So stammt also weder R aus P, noch P aus R. Haben etwa beide unabhängig von einander aus einer Hs. der Fabeln der Marie übersetzt? Gewiss nicht. Neben vielen gemeinsamen Ausdrücken und Wendungen verbieten eine derartige Auf- fassung besonders mancherlei Zusätze, die R und P haben, die aber ihrem Original fremd sind. Eine durchgreifende Veränderung haben sowohl in R als in P zwei Fabeln erfahren: F. 9 und 26. Die Waldmaus (9) lebt im Hause eines reichen (aber kranken R) Herrn. Zu ihr kommt die Stadtmaus, bleibt bei ihr und schmaust mit ihr. Der Herr hört die Mäuse und ruft seine Diener, die sie mit Stöcken und Steinen verjagen. Der Hund (26) beschreibt dem Wolfe genau seine und seiner Genossen Obliegenheiten, worauf sich dieser entschliesst, auch in den Dienst des Herrn zu treten. Aber im Hause sieht er Hunde angekettet, und als er erfährt, dass auch ihm ein solches Geschick bevorsteht, zieht er es vor in den Wald zurückzu- kehren. Bald darauf wird er gefangen und von den Bauern arg bedrängt. Wie sehr bedauert er da, nicht bei dem Herrn geblieben zu sein! Spiessbtirgerlich wie der Schluss ist die angefügte Moral. Kleinere Veränderungen finden sich häufig. Ich erwähne nur folgendes: In F. 15 ist noch auseinandergesetzt, wie der Herr mit dem Hunde spielt, und anderseits worin der Esel dem Herrn nützt; in F. 22 geht es zuerst den Hasen auf dem Lande wohl; in F. 24 ist ein Schluss, dass der Hirsch nur mit Mühe der Gefahr entgeht, dazugekommen; in F. 29 ist der Sohn des Löwen bei den Italienern nicht erwähnt; in F. 49 halten die Bäume erst grossen Rat und finden, dass es für ihre Sicherheit das beste ist, selber den Schmied auf den Weissdorn aufmerksam zu machen.
LXXX EINLEITUNG.
Nach alledem können wir nicht umhin, fUr P und R eine geraeinsame und zwar italienische Vorlage anzunehmen, die ihrerseits auf Maries Esope, und zwar im wesentlichen so wie Q denselben überliefert, zurückgeht. Dass diese italienische Vorlage frei zu Werke ging, haben wir eben gesehen; dass sie den Text nicht überall richtig verstand, geht aus mehreren Stellen hervor. So wird der Gedanke, der sich bei Marie 2, 25 findet, in R und P dem Wolf in den Mund gelegt, und weiter- hin stand wohl in der Vorlage das Epimythion von 21 (Für sulement lur cors guarir \ ne laissent lur enfanz perir) so wie es R hat: Per questo assempro dovrehbe ogni femmina pregna giiardare lo suo corpo, e guardare da pericolo i suoi figliuoli, während P, hiermit wohl nicht einverstanden, willkürlich ändert.
Die ursprüngliche Gestalt der Vorlage ist nun, wie natürlich, in R und P durch Zusätze und Veränderungen weiter unkenntlich gemacht. Diese Aenderungen sind indessen nicht so tief einschneidend, als dass es nicht möglich wäre, für die Fabeln, die in R und P enthalten sind, die Urschrift mit leidlicher Sicherheit zu rekonstruieren.
Die Sprache der Marie.
Es soll im folgenden der Versuch gemacht werden, die Sprache der Marie de France, wie dieselbe uns in ihren drei Werken entgegentritt, der Verschleierungen der Abschreiber zu entkleiden und in ihrer durch Reim und Vers erwiesenen Gestalt darzustellen. Bei dieser Untersuchung verdienen die Fabeln vor den anderen beiden Werken Berücksichtigung; die Anzahl der Hss. erlaubt uns hier mehr als dort dem Original nahe zu kommen. Einige Lais — Laustie, Chaitivel, Eliduc — und das Gedicht vom Fegefeuer sind uns nur in einer Hs. überliefert; aus dem Material, das sie gewähren, werden wir nur mit vor- sichtiger Hand Schlüsse ziehen können. Es ist somit natürlich, wenn ich überall von den Fabeln ausgehe und sodann die aus ihnen hervorgehenden Spracherscheinungen mit denen der Lais und des Purg. vergleiche.
k
V. DIE SPRACHE DER MARIE. LXXXI
A. Vokale und Diphthonge.
1. o{n). Das dunkle geschlossene o (p, ti) und das helle oftene o (o) werden hei Marie nicht gebunden. Das Lehnwort cscole (scholam) hat wie liberall q, : parolc Fr. 245.
Lat. Ö erscheint selten anders als mit sich selbst im Reim. Seine Diphthongierung wird erwiesen durch die Reime cels : dovh Cli. 7, repnicche : loche 40, 19, auch wohl hiiem : Vem 100, 21; dahin sind auch Yonec : ilec Y. 557, eschec : ilec El. 177 zu ziehen. — Das auf bdnum zurückgehende Adjektiv reimt mit sncn 54, 15; F. 435. — Wie überall reimt denmre (demÖrat) mit lat. öiplure G. 621, : hure Y. 273.
0 + mouilliertes l wird oeil in dem Reime soleil : oeil (oculum) Pg. 1822; derselbe Reim bei Angier, Vie de St. Gr^goire. Suchier, Gramm. § 67, macht darauf aufmerksam, dass oeiU Rol. 298, 3629 mit oe assoniert; vgl. ib. § 28, d. Anm. Sonst reimen die Wörter auf -oil nur unter sich, voü : soil (solium) 3, 5, stiil (soleo) : voü 69, 7, despoüle : voille B. 275, voü : oü Lst. 89, voü : Chievrefoü Chv. 1.
Zu // (lat. /7) hebe ich nur den Reim cuccu : fu 46, 9 hervor.
2. a. Die lat. Endung -alis, in deren Behandlung andere Texte schwanken, bietet bei Marie nichts Auffälliges. Die Wörter el, tel, corporel, espiritel, mortel, sei, ostel reimen unter einander, vgl. L. 407, Pg. 125, 155, 165, 175, 177, 417, 1357. Ebendahin gehört celestiel : ciel Pg. 1811. Das Adjektiv enfernal behielt auch in der alten Sprache den Vokal a, vgl. enfernal '.mal Pg. 357, :a val 1079, : cuntre val 1365. Ebenso leial, : seneschal Eq. 21, : egal Eq. 141, : mal El. 353.
^i. e. Eine Vermischung von f mit ^ oder ^ findet sich bei Marie nicht. — Tn fehle : endeble Pg. 391 ist fleible : endeihle oder fiehle : endiehle zu schreiben; vgl. Suchier, Gramm. §30b. — Das Imperf. ere hat ^^, vgl. erent : recorderent F. 49, ere ipere 2, 21. Die Form De för Dens kommt nicht vor. — materiam giebt matire Pg. 1491. — Das Suffix -itiam giebt ece (esce) in priiesce : hlesce 75, 15; die Form auf -eise (richeise), die andere Texte kennen, kommt nicht vor.
Bibliothec« Normannica VI. f
LXXXII EINLEITUNG.
? vor l vor wandelte sich vor Auflösung des l zu ea, ed. Auch diese Uebergangsform wird für Marie bezeugt, vgl. reials : beals M. 213, clwvals : heals El. 645.
4. (in und en finden sich bei Marie nicht gebunden. Suchier, Reimpredigt S. 69 ff., giebt ein Verzeichnis von Wörtern, welche zwischen e und a schwanken; die wenigen Reime, die bei Marie auffallen, finden dadurch ihre Erklärung. Nur mit ent reimt dolent : nient 14, 7, : durement 83, 9, : atent G. 597, : cent L. 421, dolente : sente 51, 13, : entente El. 391 u. ö.; ferner escient : dolent Ch. 129, : suvent El. 187, sanglent : descent Y. 319, : paviment Y. 381, Orient : veirement Pg. 341, inohediens \ defens Pg. 1695; talent reimt gewöhnlich mit e: 1,17; 6,17; 7,21; 29,109; 34,47; 53,31; G. 47, 63, 499, 725, L. 137, 167, 281, Lst. 63, M. 363; Pg. 2135, an fünf Stellen mit a : smnhlant L. 363, Y. 83, : avant, Y. 5, : chant 13, 27, : empernant 29, 23. Neben der Form covenant (: tant 47, 31, : avant Pg. 2281) steht covent (: raisnahlement) in derselben Fabel 47, 34. — femme reimt mit gemme 1, 19, El. 1021.
5. ou. Nach Suchier, Gramm. § 19, giebt es zwei Arten von ou, ein älteres ou aus lat. ö {ü) + u, welches Normannisch und Francisch zu gleicher Zeit ist, und ein jüngeres aus lat. ö, das nur Francisch ist. Beide ou sind bei Marie vertreten: das erste in den Reimen lous : sous (solus) 30, 3; 65, 1, : dous (duos) 4,11; 78,9; das andere in den Adjektiven auf -osus, insofern sie mit jenem älteren ou gebunden werden, vgl. lous : cuntrarious 2, 5, : hisdous 65b, 7, : engignous 81, 3; sous : anguissous G. 393, L. 339; amhedous : coveitous 5, 7. In den- selben Adjektiven wird aber auch os (us) angewendet, vgl. orguillus : nus 10, 17, gelus : cus G. 215, : vus G. 343, vertuus : vus 2 A. 95. Dem Reim nus : doiis (duos) 65, 53 sind lous : vos R. de Th. 4667, lous mos Erec 4433 an die Seite zu stellen; vgl. Constans, Rom. de Th. II, LXXXII, Anm. 1.
Die Imperfekta und Perfekta auf -out (-ot) reimen meist unter sich. Der Reim mot : semhlot 34, 45 beweist, dass Marie die Formen auf -ot gebrauchte, indessen kaum, dass sie die Formen auf -out verschmähte.
Spuren, dass ou zu eu geworden ist, wie sie in Benoit und im Eneas sich finden, fehlen bei Marie.
V. DTE SPRACHE DER MARIE. LXXXIII
0. ö/, ni. Lat. paiicum giebt poi, vgl.: oi (habiii) 35, 7.
Lat. ö -{- i giebt ui, vgl. die Keime sui : tii 45, 19, G. 315, Im'.enui B. 23, nuit : deduit Eq. 51, L. 217, Lst. 87, M. 485. Sieher ist truis; vgl.: dec^we^ 39, 11, ipuis 100, 13; die Hb. schreibt frois im Keime zu linois 17, 1.
Lat. ostium lautet ns; vgl. ws : stis (desus) 72, 87, L. 655. Deshalb ist auch ftir Marie die ursprüngliche Form pertus an- zusetzen, us'.pertus 0,31 (im Vers 43,4, pertuset 12,27). Dagegen findet sich nicht die Form hos st. bois.
quit reimt mit deduit 3, 41, G. 517, 665, aber auch wie oft in normannischen Texten mit Wörtern v^^ie marit F. 381, : delit L. 270 (so nur H, : deduit CSP). Ebenso guise ijustise 62, 15, : dssise G. 447, : chemise G. 729, : mise B. 279; quisse : guarisse G. 113.
7. ai. ai in französisch geschlossener Silbe hat den Laut des offenen e und reimt mit demselben
a) vor einfachem oder gedecktem s: engres : pcs (pacem) 20, 29, malvais : engres 49, 25, mes : apres 47, 37, G. 291, pes '.pres 48, 21, hes : pres 51, 21, apres : pes G. 121, El. 733, pres : palais B. 195, mesfre : estre Pr. F. 17; 3, 13; 72, 81, estre :pestre 32, 13, nestre : fenestre 43, 21, forest iplest 45, 13, G. 79, Eq. 247, mestre : prestre 65 b, 5, Pg. 2255 u. ö. — b) vor t: recet : fet 39, 7, ret : mesfet El. 727.
Der Keim paire : foire, den ich, der Not gehorchend, 79, 25 eingeführt habe, gehört wahrscheinlich nicht der Dichterin an.
8. ei (lat. e, %) reimt nie mit oi. Die Imperfekta der lateinischen ersten Konjugation sind streng von denen der zweiten, dritten und vierten geschieden; die wenigen Fälle, die anscheinend eine Ausnahme bilden, sollen bei Besprechung des Verbums erledigt werden.
Aus prveo wird wie gewöhnlich so auch bei Marie pri, vgl. die Reime: merci G. 333, 841, \ d Y. 405, : chasti L. 143, ferner prie : amie L.483. Dagegen otrei : sei G. 795, : mei Eq. 275, L. 269, : rei Eq. 173, otreie : meie 11, o3, : veie L. 133.
9. ai und ei vor n sind nicht mehr geschieden; ygl.peine : rileine Pr. F. 35; 72, 113, reine (ranam) : meine 3, 9, chaeine : seniaine 26, 25, feint : pleint 29, 91, meint : ateint 42, 29,
liXXXIV EINTiEITUNG.
remeindre : ateindre 94, 17, plaint : destreint G. 429, ceins : meins G. 819, enceinte : plainte M. 55, guardeins : chamherleins M. 143, pleindre : fcindre Ch. 157, destreint : remeint El. 447, plein : mcm (manum) Pg. 287, 1211, certeins : meins (minus) ib. 111, esteint : remeint 905.
Ob a?' und ei auch vor mouilliertem w gleich standen, ergiebt sich nicht aus den Heimen. Auffallend ist der Reim pleignent (Ind.) : hlasteignent 23, 35. Giebt es neben hlastengier noch (^ine Form Uasteignier (vgl. prov. Uastenhy^
Hier mag noch erwähnt werden, dass der Konjunktiv Praes. von prendre xweigne (: feigne) Lst. 131 lautet, dass im Vers aber prenge geschrieben wird G. 200, Y. 178, El. 1127.
Die vereinzelten Reime espleit : fait El. 223, : estait ib. 337 sind als Machwerke eines Abschreibers aus dem Texte zu entfernen.
10. ie. Die Reime auf ie sind durchweg rein. In den Fällen, wo eine Hs. den Reim e : ie bietet, dienen gewöhnlich die anderen Hss. als Korrektur. So in den Fabeln 47, 27, 51, 56; in den Lais L. 139, 2 A. 133, M. 69, 407. Andere Stellen, wie B. 187 und 2 A. 175 sind, wie der Sinn beweist, unrichtig tiberliefert und können nur durch Konjektur gerichtet w^erden. Leicht durch Umstellung ist zu verbessern El. 1131. Zu den Wörtern mit doppelter Bildung gehört anciens : tens M. 63, dagegen bien : ancien M. 531. — aviUier reimt bei Marie nur mit -ier, vgl. 14, 26; 47, 36; sonst (als aviler) auch mit -er, wie Bes. D. 1171 (Mall).
Von den Wörtern, die nur mit e reimen, erwähne ich aquitez (: delivrez) L. 641, coler (: trdiner) 26,21, hachelers (ipers) Lst. 17, regne (: cite) G. 207, digner (: aler) Y. 501, (: mer) El. 887. Hierher gehört auch mercier (: gre Eq. 235, : done F. 23, El. 407, 641, : trove F. 189, : parier El. 1068); der Reim chier : mercier Ch. 27 ist durch Umstellung zu beseitigen. Mall in seinen Notizen macht noch darauf aufmerksam, dass esfreer trotz des Subst. esfrei e hat: asemhlees : esfreees 22, 18, costez : esfreez 65, 43, mandes '. esfreez 70,11; die dritte Sing. Prs. dagegen lautet es freie (: veie) Pg. 671. Ebenso cunreerent : leverent G. 869, : amener ent L. 173, porter : cunreer Ch. 165; dagegen des- conreient : guerreient Bes. D. 770.
V. DIE SPRACHE DER MARIE. I.XXXV
Durch den Vokal sind Imperf. und Futurum von estrc geschieden; vgl. Imperf. ere : pere 2, 21, erent : recordermt F. 40; Fut. krt : afiert F. 37.
Die Endung iee wird nie zu te.
11. tu (ieu). Für die Wörter, die aus lat. löcum, jöcum, ßcuniy Jndaenm, dtsch. feod herkommen, gewähren die Reime keine bestimmten Anhaltspunkte. Vgl. lins : cius Pg. 133, liu : Jitiu Pg. 1915, fieu : liu Eq. 157, daneben fieuz : uejsriel^ El. 63. feti (focum) kommt im Reim nicht vor. espiez, espiu begegnet nirgends; Pg. 1097 reimt espeiz, ahd. spiz, nfr. epois mit peiz (picem).
B. Konsonanten.
1. Liquidae. Mouilliertes l nach i und w vor z löst sich in / auf und schwindet in fiz (ipetiz) 34,41, {: empereriz) 34,51, yenuz (: tuz) Pg. 1207, gupiz (ipiz) 14, 15, (: diz) 60, 3, nomhriz (ipiz) Pg. 1205. Ebenso ^w|9?> : gentiz 13, 13, /?^ : gentiz 51, 19, aus der von Suchier, Gramm. § 63, belegten Nebenform gentit. Aus dem Reime gupiz : viz 69, 5 folgt, dass wir ebenfalls für vilis eine Nebenform mit mouilliertem l anzunehmen haben; vgl. avilliez : mes])reisiez 47, 35. Ob in muralz (: halz) G. 221 nur Verlust der Mouillierung oder schon Vokalisierung in u anzunehmen ist, muss dahin gestellt bleiben.
Das auf lat. solus zurückgehende Wort finden wir zweimal in den Fabeln (30, 3 und 65, 1) in Reim zu Ions (lupus), zweimal in den Lais im Reim zu anguissous (G. 393, L. 339). Weiter *) hndet sich in den Reimen kein Anzeichen für Auflösung von /. Durchgängige Vokalisierung des l dürfen wir für Marie kaum annehmen; wir würden dann sicherlich bei ihr wie bei Wace und im Eneas Wörter wie voll, tels, cels im Reim mit Formen wie ot, amot, deus gebunden finden.
Für die bekannte Erscheinung, dass Vokal -f r mit dem- selben Vokal ohne r gebunden wird, gewährt auch Marie Belege:
*) Zweifelhaft ist 1,3 Sulunc nature purchagot 8a viande, si cum il sot, wo sot = wusste und = pflegte sein kann und auch die Abschreiber es teils so teils so aiiffassten. Doch sei bemerkt, dass sot = pflegte, das überdies im Altfranz, in der Regel durch das Präsens suelt vertreten wird, sonst bei Marie nicht vorkommt.
LXXXVI EINT-EITTJNG.
Vos : fors 57, 13, harge iparage G. 709, cors :os 2A. 147, malade : guarde Y. 177, sages'.larges El. 271. Auffallender ist tierz weziez 78, 25 und haillie : vergier M. 105, daneben vergier : chastaignier Lst. 97.
n nach r am Schlusö der Wörter wurde zur Zeit der Marie nicht mehr ausgesprochen; \^\.jur : amur G. 647, : dolur Eq. 101, siijur : seignur Eq. 249.
Einfaches n und mouilliertes w werden nicht gebunden; der Reim plaine : plaigne 33, 17 (ADM) gehört der Dichterin nicht an. Das Wort regne kommt im Reim nicht vor.
Im Auslaut stehen sich m und n nach g (u) gleich. Beispiele sind: nun (nomen) : maisun 34, 15, : oraisun F. 161, : Bretun 2A. 5, : harun M. 21, : gumfanun Ch. 69, : pasmeisun Ch. 145, : raisun Ch. 209, Pg. 189, : basüm Chv. 53, : Guilliadun El. 21 {nun (non) : Guilliadun El. 811), :i7ivocacionVg. 90S, irelignin 1941, : sermun 2076. Ferner sermun : colum 61, 35, coluni : huissun 97, 1, Bretun : Tiurn Lst. 159, nun (nomen) : 1mm F. 229. So muss dahingestellt bleiben, ob wir für die 1 Plur. um oder un anzusetzen haben: nun : savum Pg. 781, menton : trovon 1087, espurgacion : avon 1725, recevon : procession 1745. -ums ist zu -uns geworden : coluns : cumpaignuns 19,9, ihuissuns 6], 21, : maisuns 97, 7, m«m5 : rains (ramos) Pg. 1631. Ferner reimt die 1 Plur. mit uns : mansiüns : aluns 3, 39, fuiuns : feiins 91, 29, baruns : avuns 95, 27, mansiüns : serruns Pg. 1279, trovons : gomfanons Pg. 1533. Endlich sei erwähnt, dass die Hs. Pg. 815 eimt (amet) : redaimt schreibt.
2. Bentale, d im Inlaut zwischen zwei Vokalen hat zur Zeit der Marie seine Existenz zumeist eingebüsst; vgl. Marie : oblie G. 3, erie : amie G. 417, aie : amie G. 457, amie : vie G. 627 u. s. w.
Am Schluss der Wörter ist t (und um so mehr loses d) verstummt. Vgl. ja : ama 34, 1, ga : mena 37, 21, issi : respundi 6, 21, ci : respundi 25, 31, : ni 79, 1, ici : acuilli 30, 1, ?/ : 5a/Z?i G. 93, tu : respundu 2, 9, fu : cwcm 46, 9^), : Meriadu G. 691, : Jhesu Pg. 1031, 1167, m* : estendu Pg. 945, cm : sei 2, 13,
*) /wif gab nur fu, nicht /!tf, wie z. B. im Eneas.
V. DIE 8PBACHE DER MARIE. LXXXVII
rei : fei 18, 19 u. ö. Ebenso erscheint su (Süd) im Reim zu ve^iu Pg. 1263. d ist ferner, wie Mall notiert, abgefallen in (jlan (Eichel) (: an) 76, 2. Doppelbildung zeigt, wie auch sonst bekannt, digitus, äei'.sei El. 409, deit : atendreit Pg. 2047 (im Vers Pg. 1044 dei).
Die Perfektform esvanit (: du Part.) Pg. 328 ist als An- lehnung an die lateinische Form oder als Analogiebildung zu erklären. Dass übrigens auch esvanui daneben bestand, lehrt der Reim zu senti Wace, Nie. 1326. Vgl. noch vit : covit Rom. de Th. 3887, : irasquit ib. 10039.
3. s, z] c, eh. Dass s vor Muta noch Geltung hatte, wird durch die Reinheit der zahlreichen Reime auf -it und -ist, -iit und -nst zur Gentige erwiesen. Ebenso bieten die Reime keine Form, die ftir Verstummung des s vor Liquida spräche. Der Reim cisne : meschine M. 171 dürfte durch Annahme einer Neben- form eigne, eine zu erklären sein (vgl. orine aus originem).
s und z im Auslaut sind streng geschieden. Die Form inohediens im Reim zu defens Pg. 1695 ist ein Latinismus. Neben turneis scheint eine Nebenform turneiz bestanden zu haben, vgl. turneiz : desreiz M. 383, : feiz Oh. 113. Vgl. Deklination.
Zu erwähnen ist noch, dass neben Malachias (: pas) Pg. 299 sich auch die Form MalacMz (: Fatriz) Pg. 2073 findet, sowie dass der Völkername der Picten Pis (: pdis) L. 7 lautet.
Das Suffix -itia (-itium) giebt ise, vgl. justise : guise 16, 9; 62, 15, : mise 23, 19, : devise 101, 19, servise : iglise Pg. 497, 1465, 1471 u. ö. Sache, saee findet sich nicht im Reim, face reimt mit place {placeat) 61, 15, El. 937, '.manace Pg. 881, : grace Pg. 2302. Die Endung -ance reimt nur mit sich selbst semhlance : creance 44, 25, France : remcmhrance Ep. F. 3.
C. Deklination.
1. Die wichtigste Frage in betreff der Deklination des Subötantivums und Adjektivums ist, ob Marie die alte Scheidung von Nom. und Akk. beobachtete oder ob bei ihr der Akk. sich schon in die Funktionen des Nom. drängte. Von vornherein können wir nicht erwarten, dass die vielen Hss., die die Fabeln
LXXXVITT EINLEITUNG.
enthalten, in diesem Punkte übereinstimmen. So treten denn auch in der langen Reihe der Stellen, an denen die Mehrzahl der Hss. Akk. st. Nom. bietet, regelmässig einige Hss. beiseite und zeigen die korrekten Formen. So vorzüglich H, oft auch die Gruppe, die durch SRV vertreten wird, vereinzelt TQPOFK. Haben wir in den Lesarten dieser Hss. etwa die Fassung des Originals zu erblicken? Um über diese Frage Klarheit zu gewinnen, müssen wir das Verhalten der Hss. im einzelnen betrachten.
Der Schreiber der Hs. H (13. Jh.) hat sich bemüht, korrekt zu schreiben. Zu dieser Korrektheit gehört vor allem die Richtigstellung der Flexion des Substantivs und des Adjektivs. Aber so sorgfältig auch ein Schreiber zu Werke geht, einmal giebt er sich doch eine Blosse. An zwei Stellen nämlich (15, 50; 37, 53) zeigt H in Einklang mit den meisten andern Hss. den Akk. an Stelle des Nom.; ja, einmal 53, 10 hat H allein die jüngere Form. Wenn nun so der Schreiber von H aus Unachtsamkeit oder Verlegenheit — er verstand wohl 37, 53 nicht — mehrmals den Akk. für den Nom. stehen Hess, so werden wir schon dadurch bei der Beurteilung der andern Stellen zur Vorsicht gemahnt. Offenbar ist denn auch die Verbesserung dem Bearbeiter in mehreren Versen nicht gelungen. An zwei Stellen zeigt der Reim, dass seine Sprache nicht die Mundart unserer Dichterin war, 65, 57 dis (dictos) : pis (peius) st. di^ : honi^, und 78, 10 Votroi : ambedoi st. lous : amhedous. An mehreren andern Stellen ist entweder der Sinn oder die Fassung von H zu beanstanden und unmöglich zu bevorzugen. Unser Vertrauen zu H wird endlich weiter durch den Umstand geschwächt, dass die Hs. öfter (55, 10 und 78, 40) ganz allein gegen die Gesamtttberlieferung steht, und an andern Stellen, wo auch andere Hss. wie SRV den Nom. statt des Akk. setzen, von diesen abweichend ihre eigenen Wege geht; so 27,25; 72,79; 74,47; 76,14; 82,6; 83,7. So bleiben noch drei Stellen übrig, an denen H durch andere Hss. gestützt wird: 24, 16 geht die Gruppe / ( — L) zusammen, 43, 24 HTQ, 61, 34 HSRV. Ueberall handelt es sich hier um das Zusammengehen von H mit einzelnen Hss. der Gruppe ß und besonders der Grupjpe /, und nirgends kann es uns bei der Einmütigkeit, die an den erwähnten Stellen zwischen a und ß
V. DIE SPRACHE DER MARIE. LXXXIX
herrscht, in den Sinn kommen, die Lesart von H in den Text zu setzen.
Aehnlieh liegen die Sachen ftlr SRV. Auch in dieser Gruppe ist die Regelung nicht streng durchgeflihrt. SRV haben den Akk. an Stelle des Nom.: 55, 10; 78,40; RV an Stellen, die in S fehlen: 16,39; 22,27; 35,31; 37,53. RV hat den Akk., während S den Nom. einsetzt 8, 12; 76, 14; 82, 5; SV, während R mit den andern Hss. in der Konstruktion über- einstimmt: 83, 9. Zusammen gehen SRV in der Eliminierung des Akk.: 61,34; 65,58; 72,79; 74,48; 78,10; dazu noch 83, 7, wo V anders und zwar falsch liest, aber doch offenbar auf SR zurückgeht. An keiner dieser Stellen, mag nun der Nom. in SRV in derselben Weise, oder in RV, oder in S, oder in R allein eingeführt sein, ist die Fassung der Lesart derartig, dass sie uns bestimmen müsste, von der breiten Strasse der Ueberlieferung, wie sie durch «, ß und wichtige Vertreter von / geschaffen ist, abzuweichen.
Wenn an einzelnen Stellen einige der andern Hss. auf gleiche oder verschiedene Weise den Akk. aus dem Wege räumen (8, 12 TPKOF, 15, 50 POFRV, 16, 39 POFW, 43, 24 TQGHPOFKCRV, 65,58 TQ, 27,25 HK), so hat dies ebenso wenig Bedeutung, als wenn an vereinzelten Stellen in einigen Hss. der Akk. an Stelle des durch die Ueberlieferung ge- schützten Nom. tritt; vgl. 29, 49 QOFKC, 50, 27 ADMYNC, 53, 6 BMQ, 54, 8 MG, 54, 10 TQI, 76, 3 AD.
Nach alledem scheint der Akk. an Stelle des Nom. an nicht weniger als 19 Stellen in den Fabeln in den Text zu gehören. Das Adj. oder Part, im Prädikat zeigt die jüngere Form 8, 12; 15,50; 16,39; 22,27; 24,16; 27,26; 35,31; 43,24; 61,34; 65,58; 74,48; 76,14; 82,6; 83,8; ein nachgestelltes Subjektssubstantiv steht im Akk. 37,54; 72,79; 78,40; ebenso ein Adjektiv 55, 10; 78, 10.
Im Lichte dieser Stellen betrachtet, erscheinen nun auch eine Reihe von Fällen in den Lais anders, als ich sie in meiner Ausgabe p. XXXII auffassen zu müssen glaubte. Mögen wir auch immerhin an den Stellen, wo der Akk. der zu Grunde gelegten agn. Hs. in den andern Hss. durch den Nom. ersetzt wird, in Anbetracht der spärlichen Ueberlieferung, die eine absolute Sicherheit des Textes ausschliesst, dem Nom. den
XO EINLEITUNG.
Vorzug geben; Bedenken werden wir aber jetzt doch tragen, den durch zwei Um. gedeckten Akk. zu eliminieren oder durch künstliche Erklärung zu rechtfertigen; so M. 87, F. 35, M. 171, Y. 206. Ebenso werden wir uns wohl nunmehr scheuen, in den nur in der vollständigen Hs. des Brit. Museums überlieferten Versen den Akk., sofern nicht gegen ihn Vers oder Reim spricht (B. 187, El. 521, wohl auch El. 604), durch Konjektur zu entfernen: G. 145, B. 24, 71, Est. 35, Ch. 75, El. 140, 414. Auch an diesen Stellen handelt es sich zumeist um Adj. oder Part, im Prädikat; um Subst. im nachgestellten Subjekt B. 24, 71, Lst. 35, M. 172.
Noch mehr zerfallen ist der Bau der Deklination im Pg. Nachgestellte Subjektssubstantiva erscheinen in der Form des Akk. 1090, 1114, 1128, 1412, 1904, 2008, 2153; bei Adj. und Part, im Prädikat ist die jüngere Form eingetreten 111, 122, 154, 214, 304, 369, 428, 444, 451, 716, 995, 1011, 1042, 1073, 1096, 1210, 1603, 1740, 2000, 2035, 2094, 2184, im Vers 2069; ferner 1616 L'une mendre, Valtre greigmir (seil. ert). Unsicher ist 1511, wo aromatizement vielleicht Plur. ist.
In allen drei Werken hat also Marie in einer Anzahl von Fällen den Akk. als Nom. gebraucht, am meisten im Pg., am wenigsten in den Lais. In den Lais und in den Fabeln stehen diesen Fällen eine um vieles grössere, im Pg. eine gerade gleiche Zahl von Reimen gegenüber, die unzweifelhaft für Anwendung der alten Regeln zeugen.
2. Deklination der Feminina.
a) Die erste Deklination der Feminina bietet nichts Auf- fallendes. Wörter mit beweglichem Accent {pute, putain) kommen in den Fabeln und im Pg. nicht vor. In den Lais steht A. S. putain El. 843, A. PL nuneins F. 153, El. 900, 1143. El. 1124 lese ich nune volt estre an Stelle des handschriftlichen nunein.
b) Der N. S. der Fem. der zweiten Deklination hat tiberall s: eschapez : Immilitez 16, 43, veritez : ases 26, 7, : savez 78, 20, ipurpensez 84,15, : encumbrez 88,17, mansiüns : aluns 3,39, changons : respuns 56, 29, maisuns : culiins 97, 7, leis : reis 11,1, peals : beals 26, 5, fins : cusins A. PL 45, 27; citez : arivez N. S. G. 332, veritez : parentez F. 75, crestientez : espusez N. S. El. 602, acJiaisuns : fricuns A. P. Eq. 114, morz : cimforz N. S. El. 671;
V. DIE SPRACHE DER MARIE. XCI
diversetez : trovez A. S. Pg. 087, vertuis '. vestuz %2^ , mansüins : serruHS 1279, colurs". lunrs A. P. 1625. — Ebenso endigt das Fem. der Adj., die kein e annehmen, auf s: granz N. S. fem.: pendanz N. P. f. 3,77, egals \ leials N. S. m. Eq. 141, granz : anz A. P. F. 236, parlanz : relmsanz A. P. m. Eq. 38.
c) Das einzige Femininum der dritten Deklination suer, serur kommt im Nom. nicht vor; serur A. 8. : seignur G. 72, : dolur M. 73; F. 35» ist für den N. PI. das handschriftliche serur in serur s umzuändern.
3. Deklination der Maskulina.
a) Zur ersten Deklination der Maskulina gehören die Sub- stantiva fevrey pere, prestre und die Adjektiva altre, destre. fevre : 49, 17 Li fevre a lur cunseil crcü. — pere, : ere (eram) 2, 21, : mere 32, 9, M. 435, : amere Y. 155; im Vers vor Vokal
42, 8; 2 A. 97, M. 308. — 2^restre, : estre Pg. 221, 2210; im Vers vor Vokal 81, 3, 9; Pg. 2185, 2218; doch Pg. 2296 Mist li prestre al deu servise (so die Hs.). Die Hs. schreibt prestre im Vers vor Kons. G. 2S9, 347, aber prestrcs G. 255. — Dagegen haben wir wohl mit der Hs. ventres 27,9, 17 und mires 42, 17;
43, 9, zu belassen. — Ebenso scheint estres (von lat. exterum) bei Marie stets s zu haben ; vgl. estres : terrestres N. S. Pg. 1689, ferner dit que sis estres est malvais 9, 17; die Hs. schreibt auch estres vor Kons. Pg. 1633. — altre, im Vers 28,25; 42,26;
71, 48; Pg. 2128; im Vers vor Kons, hat die Hs. autre 34, 26; 47, 25, autres 55, 12, Lst. 17. — destre G. 731. — Von povre ist die Form mit s sicher 7, 34; 11, 42. Danach ist auch Eq. 142 povres zu schreiben, wodurch der Hiatus in Wegfall